Amselgesang
Sie sitzt an einem der Tischchen im Foyer und rührt in ihrer heißen Schokolade. Neben ihr steht das Gepäck. Gleich wird Leo kommen. Was man ihm wohl gesagt hat? Bitte holen Sie ihre Frau ab, denn sie ist nicht tragbar in unserer Einrichtung, oder so ähnlich.
An Regentagen hat sie hier oft gelesen, auch wenn sie eigentlich woanders sein sollte. Bei der Wassergymnastik, beim Gruppengespräch oder der Diätberatung. Sie hat nicht gemacht, was sie sollte. Wenn die Sonne schien, war sie draußen, in den Dünen oder am Strand. Und als sie dann die Seeschwalbenkolonie entdeckte, ist sie nicht mal mehr zum Mittagessen in die Klinik gegangen, sondern hat sich von Krabbenbrötchen und Malzbier ernährt. Picknick in Sichtweite der Seeschwalben, über sich die Möwen mit ihrem Geschrei, vor sich das Meer. Ihre persönliche Reha, nicht verschreibungsfähig, aber wunderbar und wirksam.
Mehrmals ist sie gefragt worden, warum sie an den vorgeschriebenen Anwendungen nicht teilnähme, nicht mal zum Mittagessen erscheine. Sie hat von den Vögeln und dem Licht geschwärmt und dabei in ungläubige Gesichter geblickt. Jedes Mal ist sie mit einem unsicheren Lächeln und vielen Ermahnungen entlassen worden. Die hat sie in den Wind geschlagen, auf den Dünen gesungen, den Vögeln Namen gegeben.
Kein Wunder, dass man sie hinauswirft. Sie erfülle die Erwartungen nicht, die an den Besuch einer Reha geknüpft werden, hat man ihr gesagt. Sie hat genickt. Das sieht sie ein, will es aber nicht ändern. Eher ist sie stolz auf den Rauswurf. Er zeigt, dass sie mit ihrem neuen Leben ernst macht. Dass sie hält, was sie sich in dem Arztzimmer geschworen hat.
Da war der Gesang der Amsel, der durch den geöffneten Fensterflügel kam, während sie auf den Neurologen wartete. Die Töne so klar, dass sie sich unwillkürlich in dem weichen Ledersessel vor dem polierten Schreibtisch aufrichtete. So hatte die Amsel gesungen, als sie Kind war. Abends im Apfelbaum.
Es muss dieser Gesang gewesen sein, der sie mit widersprüchlichen Gefühlen überschüttet hatte, von denen Zorn die Oberhand gewann. Zorn auf ihr Leben, Zorn auf sich selbst, Elsa, fünfundsiebzig Jahre fremdbestimmt. Die ganze Zeit war sie auf Wegen gegangen, die andere ausgesucht hatten, in Schuhen gelaufen, die ihr nicht passten. Was hatte sie mit sich machen lassen!
Aber diese Erkenntnis kam zu spät. In ihrem Kopf wuchs etwas, das in ihrem rechten Arm immer öfter Krämpfe auslöste, Unsicherheit hinterließ. Auf dem Schreibtisch vor ihr lagen die Untersuchungsergebnisse, ihr Todesurteil?
Oder gab es vielleicht doch noch eine Chance? War eine Operation möglich? Wenn ich heil hier herauskomme, dachte sie, während sie der Amsel lauschte, mache ich alles anders, ganz bestimmt. „Ich schwöre“, hörte sie sich plötzlich sagen und spürte ihr Herz klopfen, „ich schwöre beim Gesang der Amsel, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffen werde, egal, was daraus wird.“ Ihr war feierlich zumute wie in der Kirche. Sicherheitshalber wiederholte sie ihre Worte: „Ich schwöre es! Beim Gesang der Amsel.“ Dann war der Arzt gekommen und hatte das Fenster geschlossen.
Der Tumor lag günstig und war gutartig. Nach zwei Wochen Krankenhausaufenthalt schickte man sie zur Reha an die Nordsee. Sie hatte ihre Chance bekommen.
Vor der Weite des Wassers betrachtete sie ihr Leben. Sie sah ein braves Mädchen zu einer braven Frau werden, die sich bemühte, die Erwartungen der anderen zu erfüllen. Die Erwartungen der Eltern, des Mannes, der drei Söhne und der Schwiegereltern. Die Erwartungen der Katzen und des Labradors, des neuen Hauses und des Gartens, der Nachbarn und Pfarrgemeindemitglieder. Und ihre eigenen natürlich. Aber die beschränkten sich darauf, die Erwartungen der anderen zu erfüllen.
Sie spürte den Wind, hörte die Brandung, ließ den Sand durch die Finger rieseln und fragte sich, ob sie mit ihren fünfundsiebzig Jahren die Tyrannei der Erwartungen noch abschütteln konnte. Ob sie fähig sein würde, die alten Gleise zu verlassen, Leute vor den Kopf zu stoßen, sich zum Gespött zu machen. War das nicht idiotisch? So viel Aufwand für die paar Jährchen, die ihr noch blieben!
Aber dann fühlte sie den Zorn wieder, der sie im Zimmer des Arztes überfallen hatte. Vielleicht hatte sie noch zehn Jahre oder mehr zu leben. Nach neuen Statistiken wurden Frauen durchschnittlich um die 85 Jahre alt. Sie war fit, musste nur für den Blutdruck Tabletten nehmen. Und sie hatte es sich geschworen! Langsam stieg sie die Dünen hoch und meinte im Brausen der Brandung leise, aber unverwechselbar, die Amsel zu hören.
Als erste Konsequenz aus diesen Überlegungen ging sie zum Frisör und ließ ihre Haare abschneiden. Leo liebte lange Haare. Die kurzen Fransen verdeckten die Stelle fast, an der die Neurochirurg*innen eine runde Platte aus ihrem Schädel gesägt und wieder eingesetzt hatten. Sie ließ sich die Augenbrauen zupfen, zum ersten Mal in ihrem Leben maniküren, die Nägel lackieren. Der Lack würde halten, denn Schmutz in seinen unterschiedlichen Formen würde sie in Zukunft meiden. Ihre Hände hatten sich gerade erst erholt. Für den Rest ihres Lebens würde sie sich mit anderem beschäftigen. Es gab ja Menschen, die mit Haus und Garten helfen konnten, die sie zum Glück bezahlen konnten. Leo hatte als Wirtschaftsprüfer gut verdient.
Sie sah in den Spiegel, aus dem eine flotte Alte sie etwas erstaunt, aber unternehmungslustig anblickte. Das Ergebnis gefiel ihr. Man konnte sehen, dass sie nicht mehr brav sein würde. In den Himmel kam sie sowieso, aber vorher wollte sie noch hier und dort hin. Nach Spanien, um zuzusehen, wie die Störche sich in Gibraltar sammeln und warten, bis der Aufwind günstig ist für das letzte Stück auf der Reise nach Afrika. Zu ihrer Überraschung war das Interesse an Vögeln und ihren Flugrouten wieder da und gleichzeitig die Erinnerung an Brigitte. Mit ihr war sie im Jahr vor dem Abitur zweimal in die „Ostzone“ gefahren, an die Havel, wegen der Kraniche dort. Ornithologie wollten sie studieren, gemeinsam in eine WG ziehen. Aber ihr Vater kannte einen Buchhändler in Düsseldorf, bei dem sie dann ihre Lehre absolvierte. Sie las ja auch gern und konnte so zu Hause wohnen bleiben. Wie vom Vater vorausgesagt, heiratete sie unmittelbar danach.
Jetzt erwartet sie ihren Mann, nippt an der heißen Schokolade, die langsam abkühlt, und liest in dem Buch über die Vogelwelt der Insel, das schon ziemlich zerlesen aussieht. Hin und wieder sieht sie zum Eingang hin und merkt, wie aufgeregt sie ist. Auch deshalb, weil sie Leo gesagt hat, dass sie noch zwei Wochen in einer Pension bleiben will und er jetzt besser gar nicht kommen soll. Nur Geld brauche sie, hat sie gemeint, was scherzhaft klingen sollte, aber stimmte. Ihr letztes Geld hat sie für neue Kleidung ausgegeben. Kein schlichtes Kostüm in gedeckten Farben mehr, sondern helle Leinenhosen, T-Shirts und eine farbig gemusterte Jacke.
Leo kommt trotz ihrer Einwände. Es ist ihr klar, dass die Begegnung mit ihm eine neue, größere Herausforderung für ihre Vorsätze bedeutet. Das Leben in der Reha war sozusagen nur das Vorspiel, da kannte sie ja keiner. Leo aber geht davon aus, dass sie wie vorher sein wird.
Als sie wieder zum Eingang blickt, sieht sie ihn die Stufen vom Parkplatz hochsteigen. Ein selbstbewusster Mann, sieht immer noch jünger aus als er ist. Er humpelt ein bisschen, das linke Knie. Auch weniger Haare, denkt sie und spürt, wie eine Welle der Zärtlichkeit in ihr hochsteigt, die sie abwehrt. Sie muss sich hüten vor zu viel Gefühl, das könnte alles verderben. Als Leo am Eingang angekommen ist und einen Flügel der Glastüre öffnet, blickt sie schnell wieder in ihr Buch, sieht aber aus dem Augenwinkel, wie er sie unter den Anwesenden sucht, nach einer Weile zur Rezeption geht. Zeigt da jemand auf sie? Sie trinkt einen Schluck, sieht ins Buch. Er hat sie nicht erkannt! Er hat sie tatsächlich nicht erkannt!
Dann steht er vor ihr, lächelt unsicher auf sie herab. Sie steht auf, lächelt ihrerseits, sie umarmen sich. „So was!“, sagt er überrascht, auch ein bisschen verlegen. „Ich hab’ dich nicht erkannt“, schüttelt den Kopf. Sie setzen sich beide. Er betrachtet sie aufmerksam. „Du siehst verändert aus.“ Sie nickt. „Ich bin verändert“, sagt sie und stellt fest, dass sie nicht mehr aufgeregt ist. Seine Unsicherheit lässt sie sicher werden. Das ist neu. In der Vergangenheit hat seine Sicherheit sie oft unsicher gemacht.
Sie kaufen auf dem Weg zu den Dünen Krabbenbrötchen und Malzbier. Das muss sein, findet Elsa, die ihm die Landschaft zeigen will, von der sie so verzaubert ist. Das Sonnenwetter spielt mit, treibt weiße Wolken aufs Meer. Zuerst gehen sie schweigend, dann stellt sie ihm mit großen Gesten die Möwen vor, die über ihnen fliegen, nennt ihre Namen, imitiert ihre Rufe. Dabei spürt sie, dass er sie dauernd ansieht. Scheint sich zu wundern über sie. Das soll ihr recht sein. Als der Muschelsplitt unter ihren Füßen sich im Gras verliert, zeigt sie auf den steinigen Strandabschnitt unter ihnen, wo die Seeschwalben brüten. Sie hat sich ein Fernglas gekauft, sucht täglich nach den ersten Küken. Er sieht sie an, hört ihr zu, kann Möwen und Seeschwalben nicht auseinanderhalten. Sie erklärt ihm die Unterschiede, spricht von einzelnen Arten, erzählt, dass es Seeschwalben gibt, die in der Arktis brüten und in der Antarktis überwintern, unglaublich, beschreibt ihm, wie sie sich zum Fang kopfüber ins Wasser stürzen. Er schweigt, sieht sie an. Sie lacht. Er liebe nun mal die Berge und die Tiere da, verteidigt er sich. Weshalb sie ja auch immer nach Tirol gefahren sind, denkt sie und schweigt eine Weile.
Am späten Nachmittag, in einem Restaurant am Hafen, will er wissen, warum sie sich in der Reha nicht an den vorgeschriebenen Aktivitäten beteiligt habe. „Ich fand das alles furchtbar langweilig“, sagt sie. „Einen Kurs in Diätküche habe ich vor Jahren bei der VHS gemacht, als deine Mutter Diabetes bekam. Und Gymnastik hab’ ich ja auch beim Wandern am Strand. Die Gruppengespräche wären vielleicht ganz gut gewesen, aber die lagen so ungünstig. Obendrein habe ich genug Erkenntnisse zu verarbeiten.“ Sie prostet ihm zu. „Tut mir leid, ich habe eben etwas anderes gebraucht. Und es geht mir gut, wie du siehst.“ „Das passt gar nicht zu dir“, sagt er bedächtig und sieht sie forschend an. „Du tust doch sonst nicht nur, was dir Spaß macht.“ „Wer weiß“, sagt sie leichthin und lacht. „Spaß hatte ich am Schnitzen mit Speckstein, da habe ich teilgenommen. Das Ergebnis zeig ich dir mal.“ „Na dann“, sagt er lahm und schaut in sein Glas.
Sie betrachtet sich im Spiegel auf der Toilette und ist sehr zufrieden mit sich. Die zerzausten Haare und die gebräunte Haut lassen sie jünger aussehen.
Zurück am Tisch, ist er immer noch schweigsam. Sie können auf den Hafen blicken, auf die Schiffe mit ihren vielen Leinen, Masten, Fendern, dem ganzen malerischen Gewirr. Mit einem Krabbenkutter wird sie fahren, Krabben kaufen, pulen und essen, denkt sie und freut sich schon darauf. Als sie Leo davon erzählt, sagt er: „Fahr mit mir nach Hause, Schatz, du bist lange genug weg gewesen und wir haben es doch schön.“ Sie sieht ihn nicht an, muss sich vor dem Blick, den sie zur Genüge kennt, schützen. Weich werden gilt nicht, aber was soll sie sagen und wie? Sie trinkt erst mal. Der Wein tut gut, macht sie mutiger, als sie ist. Dann wappnet sie sich und sieht ihm in die Augen. „Ich brauche die vier Wochen, die man mir verschrieben hat. Und ich will sie unbedingt.“ Er macht diese wegwischende Handbewegung, die zeigt, dass er genervt ist. „Daran hättest du denken sollen, als du die Reha verweigert hast. Obendrein kannst du dich zu Hause weiter erholen. Frau Schloboom kommt noch zwei Wochen.“ Sie muss schlucken. Er ist also selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie nach ihrer Rückkehr sofort alle Hausarbeit wieder übernimmt. Von wegen, denkt sie und schlägt ihm vor, mit ihr in der Pension zu übernachten und sich am nächsten Tag Zeit für die Rückfahrt zu nehmen. Sie werde später alleine nach Hause fahren. Allerdings brauche sie vorher unbedingt Geld.
Schweigen. Die Gläser und Teller sind leer. Leo winkt der Bedienung und zahlt. „Ich bringe dich und das Gepäck jetzt zur Pension, dann fahre ich“, sagt er trocken. Sie versucht ihn zu überreden, mit ins Haus zu gehen. Er reagiert gar nicht, stellt Koffer und Tasche hin, deutet eine Umarmung an: „Mach’s gut“, und ist weg.
Das hat sie nicht erwartet. Verdattert steht sie da und fühlt sich verlassen. Sieht in den Abendhimmel, der helle Streifen hat, ein bisschen rosa noch vom Sonnenuntergang. Hört das Krächzen einer Möwe über sich und atmet tief durch. Jetzt erst recht!
Vom Zimmer blickt man auf die Dünen. Morgen wird sich herausstellen, ob sie ein Stück vom Meer sehen kann. Morgen wird sie ihn anrufen und fragen, ob er eine gute Fahrt hatte. Morgen wird ihr auch einfallen, wie sie an Geld kommt. Heute ist sie nur noch müde.
Dass es so leicht sein würde, hat sie sich nicht vorgestellt. Als sie am nächsten Morgen langsam aus dem Schlaf auftaucht und realisiert, wo sie ist, sieht sie neben dem Bett ihre Armbanduhr und ihr fällt ein, dass da die Lösung für ihre Geldprobleme liegen könnte. Sie lacht vor sich hin, wunderbar erleichtert. Leo hat sie ihr geschenkt. Leo hat ihr all die Jahre kostbaren Schmuck geschenkt. Das meiste hat ihr gefallen, aber sie kann sich für Schmuck nicht begeistern. Natürlich hat sie sich gefreut, vor allem über die Geste. Aber es macht ihr nichts aus, ihn zu verkaufen und für Dinge einzutauschen, die ihr wichtiger sind. Für den Urlaub jetzt, ihre Unabhängigkeit. Wahrscheinlich wird Leo gar nicht auffallen, dass sie diese Uhr nicht mehr trägt, sie hat noch andere, die auch schön sind. Allerdings würde es ihn wahrscheinlich verletzen, wenn er es bemerkte. Das kann sie nicht ändern. Er ist ja auch nicht unschuldig daran. Dass er sie ohne Geld regelrecht im Stich lassen würde, hat sie nicht gedacht. So kennt sie ihn nicht, was auch daran liegt, dass sie ihn nie in solche Situationen gebracht hat. Aber sie will deshalb kein schlechtes Gewissen haben. Sie wird ihn am Abend anrufen und fragen, ob er gut nach Hause gekommen ist.
Sie verkauft die Armbanduhr problemlos zu einem Preis, der höher liegt, als sie vermutet hat. Erst mal ist sie die Geldprobleme los. Sie summt vor sich hin, erkundigt sich nach Kutterfahrten und Wattwanderungen. Der einzige Wermutstropfen in ihrem Hochgefühl ist der Streit mit Leo. Als sie ihn anruft, ist er nicht zu Hause, meldet sich aber am Handy. „Ja, gute Fahrt gehabt“, sagt er und will nicht lange reden, weil er mit einem Freund irgendwo in der Altstadt beim Essen sitzt. Es geht ihm also gut, alles Weitere wird sich finden.
Die zwei Wochen vergehen wie im Flug. Dann sitzt sie, während die Landschaft an ihr vorbeizieht, im blau-grau-gestreiften Plüsch und betrachtet die vielen Fotos, die sie gemacht hat. Einige gut gelungene wird sie vergrößern lassen und aufhängen. Die Seeschwalbe im Sturzflug zum Beispiel und die Dünen mit dem Meer dahinter. Sie stellt sich vor, wie sie das Gästezimmer für sich umräumen wird. Die Fotos wird sie an die Wand neben dem Bett hängen, dann kann sie sich jederzeit erinnern, wie ihr neues Leben angefangen hat. Und auf das Regal am Fußende gehört unbedingt die Amsel aus Speckstein, damit sie beim Erwachen und Einschlafen nicht an ihr vorbei kommt. Das Gästezimmer findet sie sowieso schöner als das Schlafzimmer zum Garten hin. Es hat einen Erker und man kann von da aus den Rhein sehen, die Wiesen davor und auf der anderen Seite Promenade, Altstadt und Fernsehturm. Vielleicht stellt sie in den Erker einen kleinen Tisch, an dem sie mit Speckstein arbeiten kann. Sie träumt vor sich hin, stellt sich die Vögel vor, die sie machen wird, auf jeden Fall Möwen. Die kann sie dann im Garten auf Pfähle setzen.
Im Bahnhof kauft sie noch schnell ein Baguette für den Krabbensalat, der als Abschied und Begrüßung gleichzeitig gedacht ist und hoffentlich nicht zu sehr gelitten hat, dann hält das Taxi schon vor dem Haus.
Leo ist nicht da, sie hat sich ja auch nicht angemeldet. Aber Tinki, ihre rote Katze kommt mauzend auf sie zu. Elsa nimmt sie auf den Arm und gibt ihr anschließend etwas Futter. Dass Leo nicht da ist, macht die Sache leichter. Sie bringt ihre Tasche ins Gästezimmer und bezieht das Bett. Mehr muss sie dort jetzt nicht vorbereiten. Nach dem Duschen zieht sie den schwarzen Hausanzug an, wickelt sich einen bunten Schal um den Hals, ist zufrieden mit sich.
Den Krabbensalat hat sie schon in den Kühlschrank gestellt, eine Flasche Wein dazu. Hoffentlich kommt er nicht so spät, denkt sie, während sie im Esszimmer besonders schön aufdeckt. Gegen den größten Hunger isst sie am Küchentisch ein wenig Brot, trinkt ein Glas Saft. Genießt die aufgeräumte Küche, die Frau Schloboom hinterlassen hat.
Als Leo nach Hause kommt, sieht er sie von der Diele aus. „Da bist du ja!“, ruft er. Es klingt nicht besonders überrascht, aber durchaus erfreut. „Wenn du Bescheid gesagt hättest, wäre ich zum Bahnhof gekommen.“ „War alles kein Problem“, antwortet sie und steht auf, damit sie sich umarmen können. „Möchtest du auch etwas essen? Ich hole noch Salat und Wein.“
Als sie sich gegenübersitzen, beginnen sie ein freundliches Hin und Her über Ereignisse der vergangenen zwei Wochen, wobei sie die Sache mit dem Geld nicht ansprechen. Elsa amüsiert sich insgeheim darüber, ist sicher, dass er schrecklich gerne Bescheid wissen möchte, fängt aber nicht davon an. Stattdessen erzählt sie von der Kutterfahrt, bei der sie Robben gesehen hat, weshalb sie noch eine Fahrt zu den Sandbänken gebucht hat. Mit dem Fernglas kamen die Tiere dann so nah, dass man ihre Barthaare sehen konnte, einfach umwerfend! Leo hat mit dem Radrennverein zwei Touren gemacht, eine ging über drei Tage. Die meiste Zeit hat er auswärts gegessen, manchmal mit Heiner, der sie grüßen lässt. Und der sie beide für die kommende Woche zu sich nach Hause eingeladen hat. „Was meinst du?“ Elsa nickt. „Vielleicht in der zweiten Wochenhälfte?“ Sie sitzen eine ganze Zeit gemütlich beim Wein, prosten sich zu auf einen guten Neuanfang.
Anschließend muss sich Leo in die Steuererklärung eines Freundes vertiefen, während Elsa fernsieht. Aber sie ist so müde, dass sie ins Bett muss. „Ich geh’ schlafen“, sagt sie zu Leo und gibt ihm einen Kuss. „Im Gästezimmer. Jetzt sind wir ja ans Alleinsein gewöhnt.“ Und weil er nicht sofort antwortet, geht sie schnell nach oben und ruft von der Treppe aus, er könne sie ja besuchen.
Das neue Leben zu Hause beginnt für sie am nächsten Tag mit langem Schlafen. Kein Wecker stört sie, sie bereitet kein Frühstück vor. Auch das Mittagessen fällt aus, weil sie in der Stadt unterwegs ist. Zum Abendessen bringt sie etwas Leckeres mit. So oder so ähnlich vergehen jetzt die Tage. Leo ist auch viel unterwegs, aber das war immer so. Sie ist von diesem anderen Leben begeistert, von der Freiheit vor allem, aber sie wartet auf Leos Protest. Eigentlich müsste sie offen mit ihm sprechen, aber das traut sie sich nicht. Wenn sie erst mal über Fremdbestimmtheit und Eigenständigkeit diskutieren, wird Leo sie in Grund und Boden reden und sie wird alles mit seinen Augen sehen, so dass ihr wunderbares neues Leben in sich zusammenfällt wie ein Spuk. Also stellt sie ihn weiter vor vollendete Tatsachen. Frau Schloboom arbeitet weiter in Haus und Garten, aber Leos Protest bleibt aus. Dafür weiß sie sich beobachtet. Immer öfter fragt er, wie es ihr gehe. Einmal kann sie in der Nacht nicht schlafen, kocht sich Kaffee und arbeitet an einer Vogelskulptur. Da kommt er um zwei Uhr besorgt in ihr Zimmer und fragt, ob alles in Ordnung sei. Sie lacht, bläst die Haare aus der Stirn und schnitzt weiter. Am nächsten Morgen bringt er ihr Kaffee ans Bett, weshalb sie um ein Haar in Tränen ausbricht.
Auf der Suche nach Brigitte trifft sie sich mit ehemaligen Mitschülerinnen und ein reger Telefonkontakt bricht aus. Immer wieder muss Leo achselzuckend das Telefon zu ihr bringen oder Telefonnummern und Namen auf Zettel schreiben.
Auf seine Frage, wer sie da dauernd anrufe, erzählt sie ihm von Brigitte und ihrem gemeinsamen Traum, der über fünfzig Jahre zurückliegt. Als sie von Spanien spricht und dass sie schrecklich gerne die Störche in Gibraltar beobachten möchte, wird er schweigsam. „Mit dieser Brigitte?“, fragt er dann. „Ich weiß ja gar nicht, ob sie noch lebt“, sagt sie und erkundigt sich, ob er auch in diesem Herbst mit seinen Radfahrerkollegen nach Mallorca fliegen will.
Brigitte lebt noch, und zwar in Berlin. Sie hat ein Boot auf der Havel, das passt zu ihr. Ob Elsa sie besuchen komme, mög- lichst bald, damit auch wirklich etwas draus werde, in ihrem Alter wisse man ja nie. Ihrem Brief liegt ein Foto bei, auf dem eine alte Frau mit weißem Wuschelkopf zu sehen ist. Stimmt, sie hatte ja krause Haare. Elsa forscht in dem alten Gesicht nach bekannten Zügen. Die Kopfhaltung, das angedeutete Lächeln. Sie liest den Brief immer wieder. Brigitte schreibt von Tochter und Enkelin in Berlin, sonst nicht viel, verweist auf ausführliches Erzählen beim hoffentlich baldigen Wiedersehen.
Richtig geglaubt hat Elsa nicht, dass sie Brigitte wiederfinden würde. Umso mehr freut sie sich, ist überwältigt von so viel Vergangenheit, die in ihr aufsteigt. Und von so viel Zukunft. Denn natürlich wird sie nach Berlin fahren, auf Havel und Spree Boot fahren, vielleicht vom Boot aus Kraniche beobachten. Das Leben ist eine Wundertüte!
Mit dem Brief in der Hand legt sie das Foto von Brigitte auf die Schriftstücke, die Leo gerade bearbeitet. Er sieht auf und macht ein alarmiertes Gesicht. „Was ist los?“, fragt er. Jetzt erst spürt sie, wie heiß ihr Gesicht ist. „Setz dich erst mal“, sagt er und legt seine Hand an ihre Stirn. Sie liest ihm den Brief vor, sagt, dass sie am liebsten gleich losfahren würde, ist vor lauter Freude den Tränen nah. „Klar“, sagt Leo, „klar fährst du, aber vorher möchte ich noch die ganze Familie hier versammeln. Ich habe an Pfingsten gedacht, das ist ja schon bald. Wir haben uns lange nicht zusammen gesehen. Einverstanden?“
Allerdings, die Familie, ihre Kinder und Enkel, die so weit weg wohnen, sind erst mal eine erfreuliche Alternative. Sie war in der letzten Zeit doch sehr mit sich selbst beschäftigt. Sonst wäre sie sicher mal zu Holger gefahren, der seit kurzem wieder in Düsseldorf wohnt, nachdem er über zehn Jahre in Sydney war. Er hat sie schon besucht, aber ihre Schwiegertochter Marie und Enkelin Charlotte hat sie noch nicht gesehen. „Die kommen auch, sobald wir nicht mehr aus Kartons leben“, hat Holger gesagt. Wie alt ist das Mädchen inzwischen? 13 oder 14? Sie weiß es nicht genau, schimpft sich eine schlechte Oma, nimmt sich Besserung vor.
Sie kommen aus Hamburg und München, die Söhne mit Frau, aber ohne Kinder, die inzwischen erwachsen sind. Elsa hat zwei große Salate gemacht, Außerdem hat sie Fingerfood bestellt, darauf ist sie gespannt, auch wie es bei den anderen ankommt. Ihre Söhne sind doch ziemlich konventionell.
Als alles vorbereitet ist, setzt sie sich ans Fenster, von wo sie die Straße und die dahinter liegenden Rheinwiesen sehen kann. Den Fluss erkennt man an den Schiffen, die langsam aufwärts und schnell abwärts fahren. Sie freut sich auf das Familientreffen. Ihre Hände liegen im Schoß auf der hellgrauen Leinenhose. Die Fingernägel sind pinkfarben, so wie die Punkte auf ihrem Oberteil. Auch der Lippenstift passt genau. Sie nutzt die Fensterscheibe als Spiegel, fährt schnell mit den Fingern durchs graue Haar und ist zufrieden mit sich.
Als sie kommen, liest sie Überraschung in den Gesichtern. „Chic!“, sagt die Schwiegertochter aus Hamburg. „Toll siehst du aus!“, die Münchenerin; die dritte, Marie, nickt Zustimmung. Ihre Söhne grinsen nur und Holger fasst zusammen, was alle drei denken: „Aber ansonsten biste die Alte geblieben?“ Sie zieht die Schultern hoch und lächelt in die Runde, wobei sie in skeptische Augen blickt. Die gehören zu Charlotte, dem einzigen Mädchen unter ihren fünf Enkelkindern.
Nach dem üblichen Begrüßungschaos wollen alle die Narbe sehen und Einzelheiten über ihre Operation und die Reha erfahren. Dass sie die Angebote ignoriert hat, bis es zu dem Rauswurf kam, finden Söhne und Schwiegertöchter befremdlich, wiegen die Köpfe, verstehen ihre Erklärungen nicht. Nur Charlotte findet Elsas Verhalten cool, scheint sie bestens zu verstehen. „Voll krass“, sagt sie und dreht an einer schwarzen Locke, wobei man ihre ebenfalls schwarz gefärbten Fingernägel sieht. „Du traust dich was!“ Elsa zwinkert ihr zu, sieht lächelnd in die grauen Augen. Und während um sie herum eine angeregte Diskussion entsteht, von der sie nichts mitbekommt, weil sie herauszufinden sucht, woher sie diese Augen kennt, geht ihr auf, dass Charlotte Leos Augen hat. Das Glück hat heute die Farbe Grau.
Später lädt sie alle ein, ihr neu eingerichtetes Zimmer zu besichtigen. Die Fotowand wird begutachtet, Amsel und Möwe aus Speckstein herumgereicht. Marie meint, Elsa brauche noch einen bequemen Sessel mit Stehlampe. Allgemeines Nicken.
Am Nachmittag wollen alle zum Rhein. Elsa räumt noch ein paar Sachen auf und merkt dann, dass Charlotte bei ihr geblieben ist. Sie interessiert sich für die Specksteinvögel, streicht gedankenverloren über die glatten Stellen an Kopf und Bauch und sagt dann unvermittelt: „Du bist überhaupt nicht durch den Wind.“ Überrascht sieht Elsa sie an. „Weißt du eigentlich, warum die hier sind?“, redet Charlotte weiter. Sie hört sich entrüstet an. Elsa versucht eine unverfängliche Antwort: „Weil Opa alle eingeladen hat? Weil wir uns lange nicht gesehen haben? Weil ich krank war? Weil das Wetter so schön ist?“ Sie lacht, aber Charlotte lacht nicht mit. „Die sind so doof“, sagt sie und wedelt mit einer Hand vor ihrem Gesicht herum. „Echt crazy. Sie denken nämlich, du wärst verrückt. Opa hat alle eingeladen, weil er befürchtet, dass von der Operation an deinem Kopf ein Schaden zurückgeblieben ist, ein Dachschaden eben.“ An dieser Stelle muss Charlotte lachen, verkneift es sich aber sofort wieder. „Und weil er sich nicht sicher ist, will er, dass die anderen dich begutachten.“
„Interessant!“ Elsa setzt sich. Sie hat ihre Enkelin im Profil vor sich. Ein schönes Profil, gerade Nase, energisches Kinn, scharf gegen das Licht gezeichnet. Von den schwarzen Locken fast erdrückt, weil Charlotte den Kopf geneigt hält und immer noch mit den Fingern über die Möwe in ihrem Schoß streicht. „Und du bist dir sicher, dass ich ganz normal bin? Ich habe mich im Vergleich zu früher sehr verändert.“
„Wie du früher warst, weiß ich nicht wirklich, dafür haben wir uns zu selten gesehen. Aber jetzt finde ich dich voll cool.“ „Danke“, sagt Elsa und ist gerührt. Charlotte stellt die Möwe auf die Fensterbank und sagt in Richtung Rhein: „Ich würde gern öfter kommen, einen Elefanten aus Speckstein machen. Dann erzähl ich dir immer, was sie über dich sagen.“ Sie dreht sich zu Elsa um und beide lachen. „Abgemacht!“
Charlotte kommt ein- bis zweimal die Woche, sitzt auf dem Stuhl im Erker und schnitzt an ihrem Elefanten. Meist thront Tinki dann unbeweglich vor ihr auf der Fensterbank. Warum es ein Elefant sein muss, erzählt Charly gleich beim ersten Mal.
„Wegen der Elefantenbabys im Zoo, die sind meganiedlich, weil sie am Anfang nicht wissen, was sie mit dem Rüssel machen sollen. Ich hab sie ganz oft besucht. Für mich war es die schlimmste Strafe, nicht in den Zoo zu dürfen. Schlimmer als Freundinnenverbot. Sydney und die Elefanten, das gehört für mich zusammen. Und dann ist kurz vor unserer Ausreise ein Elefantenmädchen geboren worden, fast schwarz und niedlicher als alle anderen, weil es kleiner und so dunkel war. Charly haben sie es genannt.“ Lange Pause – „Kannst du mich Charly nennen?“
Elsa spürt das Heimweh in der Frage und sagt: „Klar, Charly“, was ihr ein Lächeln einbringt.
Was die anderen über Elsas Zurechnungsfähigkeit sagen, hat Charly bis jetzt nicht in Erfahrung gebracht. „Ich glaube, sie sind sich nicht sicher. Mama sagt, du hättest dich eben verändert. Das machten vor allem Frauen manchmal. Sie hat gemeint, dass sie sich vielleicht auch mal verändern sollte, was Papa nicht gefallen hat. Der sagt, dass du jetzt das Gegenteil von früher machst, was doch nicht von alleine kommen kann.“
„Hm“, macht Elsa und denkt, ein kluger Sohn. Kommt ja auch nicht von alleine. Irgendwann muss sie die Familie aufklären, aber ist sie schon so weit?
Charly erzählt ihr, dass sie einen Kurs in Kickboxen machen möchte, was der Papa kategorisch ablehnt, weil er findet, dass Mädchen und Boxen nicht zusammenpassen. „Ich will was machen, wo ich meinen Frust rauslassen kann, das ist doch sogar vernünftig“, findet Charly. „Obendrein macht da ein Mädchen aus meiner Klasse mit.“ „Wissen deine Eltern, wie sehr du Sydney vermisst?“ „Angeblich lieben sie mich ja, dann müssten sie es merken.“ „Ist der Kurs teuer?“ „Das geht grad so mit meinem Taschengeld.“ „Dann kämpf dafür“, rät Elsa und Charly sieht sie zweifelnd an. „Das schaff ich bestimmt nicht.“ „Das weißt du erst, wenn du es versucht hast.“ Also machen sie einen Plan. Die Eltern sollen umfassend informiert werden und Charly wird mehrmals ruhig um Erlaubnis bitten. Wenn das nicht hilft, wird Elsa ihren Wunsch unterstützen. „Krass!“, strahlt Charly. „Darf ich sagen, dass du das gut findest?“ „Ja.“ Sie verabschiedet sich mit Umarmung. Und wenn das nicht hilft, werde ich es ihr erlauben, denkt Elsa und spürt ihren Kampfgeist.
„Hab’ ich ja gewusst“, sagt Charly niedergeschlagen, als sie das nächste Mal kommt. „Ich hab’ dreimal gefragt, zuletzt geheult, aber es hat nichts genützt. Sie haben kaum einen Blick auf die Infos geworfen.“ Charly schimpft auf Englisch vor sich hin. Elsa würde am liebsten mitschimpfen, beherrscht sich aber und fragt: „Wann soll ich denn mal kommen?“ „Die kriegst du auch nicht rum, wirst sehen, aber lieb von dir.“
Also gehen sie zum Probeboxen ins Studio, das auf Elsa einen guten Eindruck macht. Aber in dem Gespräch, das sie mit Charlys Eltern führen, kriegt Elsa keinen Fuß auf den Boden, obwohl sie sich richtig ins Zeug legt. Ihr Sohn ist gar nicht mehr offen für irgendein Argument. Marie schweigt die meiste Zeit. Will sie ihre Meinung nicht sagen, oder hat sie keine? Als Elsa erzählt, dass sie sich das Studio mal angesehen und zugeguckt hat, wird Holger sauer und wirft ihr vor, solche Dummheiten auch noch zu unterstützen. Charlotte solle sich gefälligst um die Schule kümmern, da habe sie genug zu tun. Woraufhin das Mädchen weinend und Türe schlagend aus dem Zimmer stürzt. Ein Ignorant, ihr Sohn. War Leo auch so? Soll sie ihm davon erzählen? Dass sie es Charly erlauben will, gegen den Willen der Eltern? Was ihr ein mulmiges Gefühl macht. Aber sie muss es einfach tun. Und Charly ist natürlich glücklich und erzählt bei ihren Besuchen davon.
In der letzten Zeit ist Leo abends viel öfter zu Hause. Sie gehen auch häufiger aus, sogar auf die Kirmes, weil Elsa so gerne Riesenrad fährt. Früher gab es immer gerade irgendeine Arbeit, irgendeinen Termin, der einen Kirmesbesuch unmöglich machte, so dass sie am Ende resignierte. Diesmal lädt sie Leo ein, mit ihr Riesenrad zu fahren. Und der ist überraschenderweise sofort bereit dazu.
Als sie in der Gondel sitzen und auf den Rhein blicken, auf die Altstadt und die Giebel von Oberkassel, wünscht sie sich eine zweite Fahrt, schwebt nicht nur, weil die Gondel schwebt. Immer wieder stoppt das Rad und Elsa wünscht sich, dass es nie mehr aufhört, immer so weiter geht. „Jetzt bin ich bereit zu sterben“, sagt sie theatralisch und Leo sieht sie amüsiert und ein bisschen eigenartig an. „Warte bis zur nächsten Kirmes, vielleicht mach ich dann mit“, meint er lakonisch nach der fünften Fahrt. Sie gehen zu Fuß nach Hause, wollen den Backfisch mit Kartoffelsalat in ihrer Küche essen.
Dabei erzählt Elsa ihm von dem Streit mit Holger. Auch dass sie Charly das Kickboxen erlaubt hat, gegen den Willen der Eltern. Ein bisschen kleinlaut wird sie, bleibt aber dabei, dass es Charly gut tut, schimpft über ihren Sohn, fragt Leo, wie das früher bei ihnen war. „Warst du auch so streng und ich hab nichts dazu gesagt? Heute würde ich ganz anders reagieren.“ „Das würdest du“, nickt Leo mit diesem Blick, den er neuerdings manchmal hat. „Ich weiß nicht, wie ich es finden soll, dass du dem Mädchen so eigenmächtig hilfst“, sagt er bedächtig, „aber du gefällst mir heute irgendwie besser als früher.“ Sie gibt ihm schnell einen Kuss, damit er nicht sieht, dass sie rot wird.
Dann kommt Charly eines Tages deprimiert und wütend zu ihr. Sie brauche ganz unbedingt ein Tattoo. „Einen klitzekleinen Elefanten, den ich immer sehen kann, hier.“ Und sie zeigt auf eine Stelle am Handgelenk. „Sie verbieten es mir natürlich, sie verbieten mir alles.“ „Quatsch“, sagt Elsa energisch, „sie verbieten dir nicht alles, sie verstehen dich nur nicht. Mir hast du viel von dir erzählt, darum weiß ich, warum du das Tattoo haben willst, warum du Kickboxen lernst. Eltern sind keine Hellseher.“ „Ich kann es ihnen nicht erklären“, sagt das Mädchen leise und steht mit gesenktem Kopf vor ihr, die Haare bedecken das Gesicht und Elsa nimmt es erst mal in den Arm. „Ich wollte übrigens schon länger eine klitzekleine Amsel am Handgelenk haben“, sagt sie. Und so kommt es, dass sie zusammen in ein Tattoostudio gehen, in dem auch die Unterschrift einer Oma gilt. Und das die eine mit Elefant, die andere mit Amsel am Handgelenk wieder verlässt. Zwei Verschwörerinnen, die Blusenärmel hochgekrempelt.
Es geht drei Tage gut, dann ruft Charly am Abend an, um Elsa vorzuwarnen. Sie flüstert in den Apparat. „Es ist alles rausgekommen. Ich hab gesagt, dass du auch ein Tattoo am Handgelenk hast. Jetzt sind sie sicher, dass du verrückt bist. Sie wollen mir den Umgang mit dir verbieten, fuck! Ich hab auch gesagt, dass du mich verstehst und mir das Kickboxen erlaubt hast. Da war der Teufel los, bullshit! Sie sind jetzt vor allem auf dich wütend. Papa wird dich anrufen. Findest du das sehr schlimm?“ „Da müssen wir durch, Schätzchen“, Elsa flüstert ebenfalls, merkt es und ruft sich zur Ordnung. „Bange machen gilt nicht“, sagt sie in normaler Lautstärke vor allem zu sich selbst. „Mach dir keine Sorgen. Aber renn bitte auch nicht aus dem Zimmer. Ich brauche dich an meiner Seite.“ „Okay Oma.“ „Schlaf gut.“ „Du auch.“
Holger ruft am nächsten Tag schon um acht Uhr an. Mit geschäftsmäßiger Stimme bittet er sie um einen Besuch am Abend. An diesem Morgen ist sie die erste in der Küche, kocht Kaffee, deckt den Tisch. Hofft, dass Leo mitkommt. Er weiß ja sowieso, worum es geht, hat über ihr Tattoo gelacht und gefragt, was sie sonst noch alles nachholen wolle.
Es ist ein lauer Abend. Elsa macht sich sorgfältig zurecht, das stärkt ihr Selbstvertrauen.
Marie bittet sie kühl ins Wohnzimmer, wo Elsa sich aufs Sofa setzt und sich vorkommt wie auf der Anklagebank. Aber dann setzt sich Charly neben sie, sagt artig „Guten Tag“, stößt sie heimlich mit dem Ellenbogen in die Seite und die Anklagebank verwandelt sich wieder in ein Sofa.
„Wir finden es unverschämt, dass du dich einfach über unseren erklärten Willen hinwegsetzt und Charlotte erlaubst, was wir ihr verboten haben.“ Holger spricht laut, so hat sie ihn noch nicht erlebt. „Was hast du dazu zu sagen?“ „Moment mal, so viel ich weiß, sind wir nicht vor Gericht“, schaltet Leo sich ein. „Nimm sie nicht in Schutz“, blafft Holger. „Bloß weil sie eine Gehirnoperation hatte, kann sie sich nicht alles herausnehmen.“
„Das will ich auch gar nicht“, sagt Elsa, inzwischen sauer auf ihren Sohn. „Charlotte hat mir viel erzählt. Der Umzug war schlimm für sie, sie hat Heimweh nach Sydney und ist zornig, dass sie hier sein muss, wo sie nicht sein will.“ Elsa sieht zu Charlotte, die nickt und an einer Locke dreht, spricht dann weiter. „Ich finde es gut, dass sie boxen will, geradezu therapeutisch. Aber ihr wart nicht zu überzeugen, obwohl wir uns sehr angestrengt haben.“ Elsa macht eine Pause und es bleibt einen Moment still, bis Holger antwortet: „Das gibt dir noch lange nicht das Recht, in unsere Erziehung einzugreifen!“ „Nein“, sagt sie, „das sehe ich ein. Ich habe es mir zu leicht gemacht.“ „Ja“, nickt ihr Sohn, schickt ein leiseres „gut“ hinterher. Dann schweigen alle. Die Luft ist raus, irgendwie ist es schon fast wieder gut.
Das ist der Moment, in dem Elsa von ihrem Zorn auf ihr braves Leben spricht und von ihrem Arztzimmerschwur, alles ganz anders zu machen, wenn sie noch eine Chance bekommen sollte. Vom Gesang der Amsel schweigt sie. Nur Leo und Charly wird sie davon erzählen. Sie lächelt in die Runde. „Kein Dachschaden also, Ende der Schonzeit“, verkündet sie und umarmt Charlotte. „Wir werden lernen, für unsere Wünsche zu kämpfen, du und ich.“
Später sitzen sie am Rhein, sehen den Schiffen zu, an denen schon die Lichter angehen. Und Elsa erzählt Leo endlich von dem geöffneten Fenster im Arztzimmer, mit dem alles angefangen hat.