Josefa Bissels
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Kein zweites Mal

Illustration zur Kurzgeschichte „Kein zweites Mal“

Gegen drei kommt Betti.

Sie ist der Mensch, den ich jetzt brauche, unbedingt. Trotzdem erwarte ich sie mit gemischten Gefühlen. Weil ich ihren prüfenden Blick kenne, den ich gleichzeitig liebe und fürchte. Hoffentlich überstehe ich die Begrüßung ohne zu weinen. Nicht schon in den ersten Minuten Tränen, später ist es egal.

Gleich wird sie klingeln. Vielleicht kommt sie aber auch durch den Garten wie früher, als wir Kinder waren. Damals wohnte sie mit ihrer Mutter schräg gegenüber auf der ersten Etage und kam immer hinten herum. Betti, meine beste Freundin. Sie holte mich zur Schule ab. Schon in der Grundschule und danach am Gymnasium besuchten wir dieselbe Klasse. Bis nichts mehr war wie vorher.

Aber Freundinnen sind wir geblieben, obwohl wir nicht mehr in derselben Straße wohnten, nicht mal in derselben Stadt. Wir besuchten uns, telefonierten, mailten. Ich kenne die Männer, mit denen Betti zusammengelebt hat. Betti ist bei allen Geburtstagsfeiern meiner Kinder gewesen.

Jetzt nur noch die Marzipanpralinen in die Schale und auf den Tisch. Die mag Betti am liebsten.

Und dann steht sie in der geöffneten Küchentür. Wie stets mit Brille in ihren Locken, um die ich sie schon immer beneidet habe. Einen Strauß Tulpen legt sie schnell neben die Pralinen, damit er bei der Umarmung nicht stört. Es folgt ein erster prüfender Blick, dem ich eine Weile standhalte, bis ich schnell eine Vase für die Blumen hole.

Betti steckt sich eine Praline in den Mund und schließt genießerisch die Augen. Findet dann, dass ich blass aussehe. Dazu muss ich nichts sagen, bin mit den Tulpen beschäftigt, stelle sie auf den Tisch. Werde auch noch Milch für den Kaffee aufschäumen, bevor ich mich zu ihr setze. Mit Betti sitze ich am liebsten in der Küche, an dem großen Holztisch, der überall Gebrauchsspuren hat.

Wir nippen am Milchkaffee, rühren im weißen Schaum und lutschen Pralinen. In der Küche breitet sich die alte Vertrautheit aus. Wir reichen uns auf dem Tisch die Hände, das haben wir immer so gemacht. Bettis Hand ist groß und kräftig mit festem Druck, ein wenig rau, die Hand einer Tierärztin. Meine dagegen ist kleiner und glatt, wie es zu einer Konditorin passt.

„Wann zieht ihr denn um“, fragt Betti. „Ich dachte schon, wir feiern Abschied oder ich soll dir beim Packen helfen.“

Ich kann nicht antworten, muss mir dauernd die Nase putzen.

„So schlimm?“ Betti sieht erschrocken aus.

Als Antwort lasse ich die Tränen einfach laufen. Sie lässt mich in Ruhe. Es dauert, bis ich wieder reden kann. „Ich bin schwanger“, sage ich dann, „Leo ist alleine weg.“

Zuerst schweigt Betti, dann kommt ein leises „Schätzchen“ zusammen mit einem sehr festen Händedruck und dann wieder Schweigen. Man hört nichts außer hin und wieder Vögel durch die geöffnete Tür. Das werden die Meisen sein.

„Es ist wie damals, ich fasse es nicht!“ Jetzt kommen keine Tränen mehr, das macht der Zorn, der mich laut werden lässt. „Abtreiben, sagt Leo. Abtreiben, sagen unsere Freunde. Wie meine Eltern damals, wie Sven, du weißt es ja. Ein Kind vermasselt die ganze Planung! Gerade jetzt! Du wirst doch nicht…, du kannst doch nicht…! Ich weiß, was ich nicht kann. Ich kann es kein zweites Mal machen lassen! Ich will es nicht.“

Ja, sagt Betti einfach.

„Aber es tut so verdammt weh.“ Die Tränen sind wieder da. „Dass ich unseren Traum kaputt mache. Leo und ich haben in der letzten Zeit nur von Rügen geredet, nur Vorbereitungen getroffen und waren glücklich wie lange nicht. „Café – Restaurant Meurer.“ Ich hätte die Torten gemacht, die Pralinen, mich um das Große-Ganze gekümmert. Leo wollte für das Restaurant und das Schriftliche zuständig sein. Wie soll er das alleine hinkriegen?“

„Das lass mal seine Sorge sein. Er hat sich so entschieden.“

„Mit einem Baby geht das nicht“, hat er gesagt. Und dass er froh ist, aus dem Kinderchaos raus zu sein, kein Geschrei mehr verkraftet. „Lass es weg machen. Er stand vor mir und sagte es zweimal, wegmachen. Was für ein Wort! Er ist doch der Vater! Mit wem habe ich die ganzen Jahre zusammengelebt? Und dann soll die Welt wieder in Ordnung sein?“

Ich frage Betti, ob sie noch einen Milchkaffee will, was sie mit einem Nicken beantwortet, und stehe auf. Mir mache ich einen Tee, arbeite so vor mich hin, schweige. Dann spreche ich einfach aus, was mir durch den Kopf geht. Dass ich mir nicht vorstellen kann, unser neues Glück mit einer Abtreibung zu beginnen. Dass man in Schweden früher tote Babys ins Fundament der Häuser gelegt hat, was wohl böse Geister abwehren sollte. Ich kann mir nur vorstellen, dass sowas böse Geister anzieht.

Ich stelle die Tassen auf den Tisch, suche Taschentücher und denke dabei, dass ich mit meinem verweinten Gesicht bestimmt zum Erbarmen aussehe.

Aber ich muss weitersprechen und weiterweinen, kann nicht aufhören damit. Weil es der Supergau ist.

„Ich bin nur deshalb in der letzten Woche vor unserem geplanten Umzug zu meiner Gynäkologin gegangen, weil ich mich auf Rügen in der ersten Zeit nicht um Besuche bei Ärzt*innen kümmern wollte. Erwartete, dass sie mir sagen würde, ich sei in den Wechseljahren. Anschließend gute Wünsche von ihrer und Dank von meiner Seite. Da sagt sie mir, dass ich schwanger bin!“

Stille in der Küche. Was soll man auch dazu sagen, wenn ein Meteor vom Himmel fällt und nichts mehr wie vorher ist?

„Wir hatten schon unsere Stellen gekündigt, das Objekt auf Rügen gekauft und dieses Haus verkauft. In vier Wochen muss ich hier raus sein.“

Der Tee ist zu süß, ich habe zu viel Kandis reingetan. Aber das Rühren beruhigt. Ich halte mich am Löffel fest, der immer im Kreis herum geht, eine meditative Tätigkeit.

„Ach Betti, ich bin mit schuld, dass wir jetzt getrennt sind. Ich habe Leo erst in dieser Situation erzählt, dass ich mit sechzehn eine Abtreibung hatte. Das hat ihn verletzt, und das verstehe ich auch. Ich war zu feige.“

Betti löffelt Schaum vom Milchkaffe.

„Damals konntest du nicht wirklich selbst entscheiden“, sagt sie dann. „Deine Eltern haben dich bedrängt, dein Freund auch.“

„Ja, meine Mutter ist mit zum Beratungsgespräch gegangen. Alles stellte sich so dar, als sei ich mit der Situation überfordert und Abtreibung das einzig Richtige für meine psychische Gesundheit, ein Notfall eben. Am Ende glaubte ich es auch. Ich fiel unter die soziale Indikation des §218.

Natürlich wäre es schwer geworden mit einem Kind. Meine Eltern hätten mir helfen müssen. Aber die hatten ein Ferienhaus in Spanien gekauft.“

Meinst du, sie haben dir aus egoistischen Gründen zur Abtreibung geraten?

Ich nicke. Wir schweigen.

„Jedenfalls habe ich nicht wirklich verstanden, was mit mir passierte. Erst als wir in Bio vorgeburtliche Entwicklungsstadien durchgenommen haben, weißt du noch, bei Frau Klink?“

Ich sehe Betti nicken.

„Als sie uns Fotos von Babys in der Gebärmutter gezeigt hat. Geheimnisvoll sahen sie aus, durchsichtig und wie von einem anderen Stern. Da hatten sie meine Gebärmutter gerade ausgekratzt. Ich habe es nicht ausgehalten, bin vor dem Ende der Stunde nach Hause gegangen und zwei Tage im Bett geblieben.“

„Ach, Schätzchen“, sagt Betti, „ich weiß es noch wie heute. Auch dass du Sven in die Wüste geschickt hast und auf einmal nicht mehr da warst.“

Ich sehe zu ihr hin, die immer noch mit dem Schaum beschäftigt ist.

Bin ganz zufrieden, dass ich damals so rigoros war, mich von Sven getrennt, meinen Eltern Egoismus vorgeworfen und meine Pläne und Möglichkeiten hingeschmissen habe. Alles passte. Ich fand sofort eine Lehrstelle in Düsseldorf.

„Allerdings hätten wir sonst diese wunderbaren Pralinen nicht“, findet Betti und

versucht ein Lachen. Wenn Betti lacht, ist sie einfach unwiderstehlich. Ich lasse mich anstecken und rede ein bisschen über das Pralinenmachen. Der Beruf gefällt mir, obwohl es eine Art Trotzreaktion war. Ich musste von zu Hause weg.

„Wie lange ist das jetzt her“, frage ich. Wir sehen uns an und müssen lachen, weil jede so offensichtlich die Spuren des Alters im Gesicht der anderen sucht. Abschließend kommen wir zu dem Schluss, dass wir uns gut gehalten haben, bis auf ein paar graue Haare in Bettis Locken und meine Krähenfüße. „Lachfalten“, sagt Betty und findet, dass ich in all den Jahren ein Bilderbuchleben geführt habe, mit Mann und Kindern im eigenen Haus.

Ich nicke, muss mir die Nase putzen.

Betti ist aufgestanden und ein paar Schritte auf die Terrasse gegangen. Um diese Zeit scheint die Sonne direkt aufs Haus. Sie nimmt ihre Brille aus dem Haar, setzt sie auf und findet, dass man mit Decke schon draußen sitzen kann.

Ich hole Kissen und Decken. Wir legen die Beine hoch, reden von damals und heute, lachen manchmal und schweigen öfter.

„Soll ich dir eine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die du noch nicht kennst?“, fragt Betti schließlich.

„Unbedingt!“

„Also: Ich half während meines Studiums manchmal in einer Tierarztpraxis. Das tat ich auch, als ich wenige Tage vorher mit Schrecken festgestellt hatte, dass ich schwanger war.

Da kam ein Mann mit seiner Katze ins Behandlungszimmer. Sie sollte sterilisiert werden. Der Tierarzt tastete sie ab und sagte, das mache er zu diesem Zeitpunkt nicht, sie sei trächtig. Ich wunderte mich, aber er schien es ernst zu meinen. Der Katzenbesitzer fragte, ob es denn nicht trotzdem möglich sei, aber der Arzt streichelte die Katze und sagte: Ich will dem Leben nicht im Weg stehen.

Ich glaube, ich habe nach Luft geschnappt.“

War dein Tierarzt eine Ausnahme, oder gilt das allgemein?

„Es gilt allgemein. Aus ethischen Gründen.“

„Bei Katzen? Aus ethischen Gründen?“

„Ja“, sagt Betti, „da kommt man ins Grübeln. Als der Satz mich überrumpelte, hatte ich mich nämlich schon fast für eine Abtreibung entschieden. Wegen Ralf, der es unverantwortlich fand, Kinder in diese Welt zu setzen. Erinnere dich, er hat zeitweise die Nachrichten nicht ansehen können, so litt er an den Zuständen hier und anderswo.“

Betti stopft ihre Decke fester um sich, scheint in Gedanken weit weg zu sein, wahrscheinlich in der schlimmen Zeit damals, die mir jetzt auch wieder nah ist.

Sie war ja bereit gewesen, für Ralf auf Kinder zu verzichten, aber dann konnte sie es einfach nicht. Sie hätte mit Ralf sprechen müssen, aber weil sie wusste, dass für ihn nur eine Abtreibung in Frage kommen würde, konnte sie auch das nicht. Mit mir hat sie viel überlegt. Der Satz des Tierarztes blieb ihr wichtig. Immer wieder sprach sie von diesem kleinen Zellklumpen, der ein Mensch werden würde, wenn man ihn ließ, wenn er sich ungestört weiterteilen und wachsen konnte. Irgendwann war ihr das Lebensrecht des Zellklumpens wichtiger als Ralfs Wille. Also hat sie die Katastrophe auf sich zukommen sehen, ohne sie verhindern zu können. Erst in der 13. Woche hat sie es ihm gesagt, und es kam, wie sie gefürchtet hatte. Ralf zog aus.

Sie litt unter der Trennung, fühlte sich schuldig, obwohl sie verhütet hatte, und war voll Angst, Ralf könnte sich umbringen, als sie erfuhr, dass er seine Arbeit gekündigt hatte und niemand wusste, wo er sich aufhielt. Erst später erfuhr sie, dass er Deutschland verlassen hatte und in die Schweiz gegangen war.

Kein Wunder, dass sie depressiv wurde, als in dieser Zeit auch noch ihre Mutter schwer erkrankte.

Die Sonne verschwindet manchmal hinter Wolken, aber die Decken wärmen. Ich sehe zu Betti, die immer noch ganz woanders zu sein scheint und wecke sie auf mit der Frage, ob es ihr nicht zu kalt wird.

Sie antwortet nicht, ist noch in ihren Gedanken, als sie sagt: „Ich wollte dem Leben nicht im Weg stehen, aber die Konsequenzen überforderten mich. Es wurde mir immer klarer, dass ich nicht stabil genug war, um meinem Kind eine gute Mutter zu sein.“

„Hast du ein Foto von Holger dabei?“, frage ich nach einer Weile, und Betti nimmt ihr Handy aus der Tasche. „Da hat er mir seine Freundin vorgestellt“, sagt sie und reicht mir das Handy, von dem mich ein lachendes Paar ansieht. Der Mann hat die gleichen Locken wie Betti.

„Die sehen beide glücklich aus.“

Betti nickt. „Habe ich dir eigentlich erzählt, dass ich ihn von Anfang an so oft besucht habe, wie die Vermittlungsstelle es erlaubte? Als er fünf war, wusste er, dass ich seine leibliche Mutter bin. Da hat er seiner Adoptivmutter einen Brief an mich diktiert: Wie geht es dir? Mir geht es gut. Warum hast du mich abgegeben?“

„Krass! Und du hast es ihm dann zu erklären versucht?“

„Ich habe mehrere Tage für den Brief gebraucht. Aber offenbar war er damit zufrieden. Als wir uns das nächste Mal sahen, sagte er „Mama“ zu mir und sprach seine Adoptivmutter mit dem Vornamen an. Das machte mich glücklich und den Abschied doppelt schwer. Die Abschiede waren das Schlimmste. Aber die Adoptiveltern waren super, ich bin ihnen sehr dankbar.“

Betti sucht noch andere Fotos, die sie mir zeigt. Holger als Pfadfinder, auf dem Rennrad, beim Surfen. Ich lese in ihrem Gesicht, wie stolz sie auf ihn ist und wie glücklich, trotz allem.

„Weißt du, warum ich dir so wenig von Holger erzählt habe?“, fragt sie dann, wartet aber meine Antwort nicht ab.

„Ich hatte ein komisches Gefühl, wenn ich mit dir von ihm sprach. Wahrscheinlich ist es lächerlich. Vor allem, weil du glücklich verheiratet warst und Kinder hattest. Aber irgendwie wollte ich dich schonen.“

„Du musst gespürt haben, dass ich dich um Holger immer beneidet habe. Trotz meiner zwei Kinder. Wo in deinem Leben Holger ist, ist in meinem Leben ein Loch. Obwohl ich die Abtreibung gut verdrängt habe. Wir waren eine ganz normale Familie. Nur an Kindergeburtstagen, wenn gesungen wurde: Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst musste ich rausgehen. Das hast du vielleicht mitbekommen.

Und weißt du, was ich einfach nicht verstehe? Dass eine Frau, die ihr Kind zur Adoption freigibt, von der Gesellschaft als Rabenmutter angesehen wird, während Abtreibungen toleriert werden. Oder sehe ich das falsch?“

„Die öffentliche Meinung…“ Betti zieht die Schultern hoch und blickt in den Himmel. Ich ahne plötzlich den Schmerz, der sie begleitet haben muss.

„Wahrscheinlich wissen zu wenige, was offene Adoption bedeutet“, sagt sie, „dass man nicht abgeschnitten ist vom eigenen Kind. Dagegen werden Abtreibungen gar nicht bemerkt. Das Kind bleibt unsichtbar, das Sprechen darüber theoretisch.“

Wir sehen den Vögeln zu. Ein Amselpaar fliegt immer wieder ins dichte Efeu an der Terrassenmauer.

„Augenblicklich sind die Medien wieder mal voll vom Thema Abtreibung“, sage ich, „aber mir scheint, es kommen nur die Rechte der Frauen vor, nicht die der Kinder.“

Betti nickt. „Vor allem wegen der Frauenrechte streiten sich die Linken und die Rechten, als wären die Kinder nicht so wichtig. Also muss der Staat sie schützen. Die reine Fristenlösung hat das Bundesverfassungsgericht abgelehnt. Die Kinder werden heute durch die Beratungspflicht geschützt, aber die Entscheidung liegt bei den Frauen.“

„Damit sie sich entscheiden können, müssen sie informiert sein“, denke ich laut, und Betti bringt es auf den Punkt: „Jede Frau muss sich ohne irgendeine Bevormundung für oder gegen eine Abtreibung entscheiden können.“

Ich denke darüber nach, beobachte einen Grünspecht, der zwischen den Himbeeren nach Ameisen sucht und merke, dass es mir besser geht.

„Ich bin jedenfalls kein Notfall“, sage ich, und sehe zu ihr hin. „Ich hab´ ja dich.“

Betti schiebt ihre Brille ins Haar und legt eine Hand über die Augen, damit sie mich besser ansehen kann.

„Dann komm jetzt mit zu mir“, sagt sie, steht auf und faltet ihre Decke zusammen.“