Josefa Bissels
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Auf Deck

Illustration zur Kurzgeschichte „Auf Deck“

Ich wache auf und schließe die Augen wieder. Das gleichmäßige Motorengeräusch und die Hitze machen müde. Schlafen ist das Beste, was man hier machen kann. Aber der Schlaf kommt und geht, wann er will. Ich finde nicht mehr hinein und damit auch nicht in den Traum zurück. Schöne Träume habe ich hier. Noch nie hatte ich so schöne Träume. Gerade war ich mit einem Segelboot auf dem Weg nach Italien. Von Segelbooten, die mich problemlos in Sicherheit bringen, träume ich öfter. Manchmal bin ich auch auf einem Frachter, der nach Marseille fährt. Sogar ein Hubschrauber hat mich mal mitgenommen. Beim Aufwachen kommen mir solche Träume realistisch vor. Bis ich mir die Augen reibe und das Elend hier sehe.

Der Junge neben mir ist eingeschlafen. Er liegt mit ausgebreiteten Armen auf dem Boden, die Beine auf dem Schoß der Mutter. Aus Eritrea kommen die beiden. Wir unterhalten uns mit Händen und Füßen. „Jamal“, sagte er, als wir zum ersten Mal auf unseren Decken lagen und uns ausruhten. „Jamal“, und zeigte mit der einen Hand auf seinen Bauch. Vier Finger der anderen Hand hielt er vor mein Gesicht und sah mich ernst an. Ich machte es wie er, zeigte mit einer Hand auf meinen Bauch und sagte „Tajo“. Er nickte. Als ich dann beide Hände zweimal vor ihm in die Luft hielt, legte er den Kopf schief. Nur die Mutter lächelte. Sie ist schön.

Ich habe keine Illusionen mehr. Hoffnung wohl, aber keine Illusionen. Die hatte ich beim ersten Mal. Bevor die libysche Küstenwache mich aus dem Wasser zog und zurück an Land brachte. Es folgte das Lager.

Was ich da erlebt habe, werde ich Europa nicht verzeihen, niemals! Solange ich lebe nicht! Kein Wunder, dass gegen Frankreich, Deutschland und Italien eine Anzeige wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit beim Internationalen Gerichtshof vorliegt. Denn Europa finanziert die libysche Küstenwache und weiß von Folter, Vergewaltigung und Sklaverei in den Lagern. Die Politiker*innen haben alles besichtigt und unternehmen nichts dagegen. Sie reden von Menschenwürde und spucken uns ins Gesicht.

Gut, dass Jamal aufwacht, das bringt mich auf andere Gedanken. Verschlafen setzt er sich und lächelt in meine Richtung. Die Mutter gibt ihm eine Flasche mit Wasser. Er trinkt und schraubt dann am Verschluss herum. Jamal sammelt Flaschenverschlüsse, aber diese Flasche ist noch fast voll. Immer wieder breitet er seine Schätze auf dem Boden aus, nach Gesichtspunkten, die nur er kennt. Wenige Kronkorken, Plastik in unterschiedlichen Farben und zwei echte Korken, von Weinflaschen wahrscheinlich. Ich sehe zu, wie er beim Hin -und Herschieben vor sich hin murmelt, selbstvergessen und sorglos, wie es scheint. Ein Stück heile Welt zwischen dem Chaos aus herumliegenden, sitzenden und vor sich hin starrenden Menschen. Ich sehe ihm eine Weile zu, dann nehme ich ein Stück Holz aus der Hosentasche, klappe mein Messer auf und fange an zu schnitzen. Gleich wird er sich zu mir hocken, denn er kommentiert meine Arbeit gerne mit Nicken, Kopfschütteln oder Lachen.

Europas Regierungen wollen uns nicht. Aber die Kapitän*innen der NGO-Schiffe, die trotz vieler Schikanen losfahren, um Geflüchtete aus Seenot zu retten, bringen niemanden nach Libyen zurück. Sie kennen die Lager auch. Schreckliche Minuten waren das, als wir hilflos auf dem Wasser trieben und plötzlich ein Schiff auf uns zu hielt, von dem wir nicht wussten, ob es zur Küstenwache gehörte oder Rettung brachte. Wir starrten auf den größer werdenden Bug. Manche haben geweint, als wir erkennen konnten, dass es die Sea-Watch war. An Bord haben wir mit der Crew ein bisschen gefeiert. Diese Leute haben mit der Regierung nichts zu tun. Ich glaube, sie praktizieren eine stressige Balance zwischen zivilem Ungehorsam und dem peniblen Einhalten der Vorschriften, die auf dem Wasser gelten. Sie sind freundlich, kompetent und nicht von oben herab, besprechen mit uns die Probleme, die auf der Suche nach einem Anlegeplatz entstehen. Inzwischen kreuzen wir schon drei Tage vor Sizilien. Wir befolgen die Anweisungen der Crew fraglos und dankbar, denn durch sie sind wir erst mal in Sicherheit.

Wissen die europäischen Regierungen eigentlich, dass sie Hass säen, wenn sie so mit uns umgehen? Hass auf die Politiker*innen, die nicht nur die Lager in Libyen absegnen, sondern auch der Agentur Frontex Millionen geben, damit sie aus Europa eine Festung und aus Afrika ein Gefängnis macht. Hass, weil sogar die Gelder für Entwicklungshilfe bei Frontex landen. Wer Hass sät, was wird er ernten?

Jamals lachendes Gesicht taucht vor mir auf. Es ist ihm gelungen, sich anzuschleichen. Kein Wunder, wo ich immer so in Gedanken bin. Ich sehe ihm an, dass er meine Schnitzarbeit gut findet. Man kann den Elefanten erkennen, aber er ist noch nicht fertig. Ich lege ihn in seine ausgestreckte Hand. Er fragt mit Gesten, ob er ihn seiner Mutter zeigen darf.

Ich nicke, denke an die Wüstenelefanten bei uns im Norden, diese anspruchslosen Riesen, die durch den Klimawandel bedroht sind. Die Sahara dehnt sich immer weiter aus. In der zunehmenden Dürre vertrocknen Seen und Tümpel. In den Wasserlöchern steht das Wasser so tief, dass die Jungtiere es mit ihren kurzen Rüsseln nicht erreichen können. Sie verdursten.

Ich habe südlicher gelebt, wo die Baumwollfelder bis zum Horizont reichten. Wie tausende andere lebt auch meine Familie von der Baumwolle. In staatlichen Unternehmen wurden stabile Preise gezahlt. Bis Weltbank und IWF sogenannte Strukturanpassungsprogramme bei uns einrichteten. Die staatlichen Betriebe wurden privatisiert. Freier Handel war die Devise. Aber mit der subventionierten Baumwolle aus Europa, USA und China konnte Mali nicht konkurrieren. Das bedeutete das „Aus“ für malische Baumwolle, das „Aus“ für tausende Familien, von denen viele in die Städte abwanderten, wo sie wie 70 % der malischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben. Afrikas Wirtschaft ist schutzlos dem Weltmarkt ausgesetzt. Wir sind noch nicht so weit, was auch selbst verschuldet sein mag. Auf jeden Fall nutzen Europa und andere Länder unsere Unterentwicklung aus. Sie ziehen uns über den Tisch. Früher mithilfe der Kolonisierung, jetzt mit der Globalisierung. Der reiche Norden will in Afrika Profit machen, die Menschen aus Afrika sollen dabei nicht stören. Scheinheilig reden sie gleichzeitig von Fluchtursachenbekämpfung.

Ich will einen kleinen Teil von dem zurückholen, was Europa uns gestohlen hat. Meine Familie versucht, auf dem Land nicht zu verhungern. Sie braucht meine Unterstützung. Auch meine älteste Schwester braucht Hilfe. Sie ist mit unserer Jüngsten in den Senegal geflohen, weil es da Einrichtungen gibt, die Mädchen vor der Beschneidung schützen. Ich bin der einzige Sohn. Sie verlassen sich auf mich. In Mali hat es Tradition, dass junge Männer aus armen Familien ins nahe und fernere Ausland gehen, um zu arbeiten und ihren Familien Geld zu schicken, je nachdem auch ihren Dörfern. Von diesem Geld sind schon Schulen und Krankenhäuser gebaut worden. Aber nie vorher sind wir wie Abfall behandelt worden.

Ich sehe zu, wie Jamal den halb fertigen Elefanten über den Boden schiebt. Auf dem Rücken liegt ein Kronkorken, an dem erhobenen Rüssel hängt ein türkisfarbener Schraubverschluss. Er ist in sein Spiel vertieft. Wie er so kniet, könnte er ein Kunstwerk aus Ebenholz sein.

Ich werde mich den Gesetzen der Europäer nicht unterstellen. Nicht in Sammelunterkünften um Asyl bitten, lange Zeit ohne Arbeitserlaubnis herumhängen und vielleicht am Ende doch abgeschoben werden. Ich werde untertauchen. Es ist illegal, ich weiß, aber ich werde es mit gutem Gewissen tun. Und ich werde es schaffen! Schließlich kann ich jeden Motor reparieren. Habe zu Hause meinem Onkel geholfen, der davon zu leben versuchte. Bald war ich besser als er, es liegt mir einfach. Im Lager hat es mir auch geholfen. Da habe ich zuerst einen Generator repariert und dann das Mofa eines Aufsehers. Dadurch kam ich schneller frei.

Ich muss mir genau überlegen, wo ich hingehe. Wenn wir in Sizilien anlegen, ist das gut. Palermos Bürgermeister begrüßt die Flüchtlinge mit Handschlag. Und auf dem Weg dahin gibt es bestimmt Motoren, die repariert werden müssen. Jedenfalls hoffe ich, hier und da Arbeit zu finden. Aber ich werde auch stehlen, wenn es anders nicht geht. Auch gestohlenes Geld kann man nach Mali schicken. Später will ich nach Süditalien. Da soll es „Häuser der Würde“ geben. Ein belgischer Regisseur hat mit den Flüchtlingen, die auf den Tomatenplantagen ausgenutzt werden, einen neuen Jesusfilm gedreht. Ein Schwarzer spielt den Jesus. Die Filmleute haben eine „Revolte der Würde“ ausgerufen, als sie das Elend der Geflüchteten sahen. Verlassene Häuser wurden besetzt und renoviert. Die Geflüchteten konnten die wilden Lager verlassen. Menschenhändler*innen haben keine Chance mehr. Wahrscheinlich kann man keinen Film über Jesus drehen, ohne ein bisschen wie Jesus zu werden.

Ich habe auch eine Adresse aus Frankreich. Gleich hinter der italienischen Grenze soll ein Bauer Flüchtlinge übernachten und bei sich frühstücken lassen. Er war deshalb schon mehrmals im Gefängnis, ist aber inzwischen freigesprochen. Da sieht man wieder, wie wichtig es ist, sich nicht einschüchtern zu lassen.

Jamal bringt mir den Elefanten zurück. Er reibt sich die Augen und lehnt sich an mich, schläft fast im Stehen ein. Ich streiche ihm über die Haare, stehe auf und liefere ihn bei seiner Mutter ab. Dann mache ich meine Abendrunde, esse etwas, nehme eine Flasche Wasser mit. Es ist noch nicht dunkel, das Meer ruhig. Die Küste von Sizilien liegt weit draußen, davor einige Boote, von denen man nur die weißen einigermaßen sehen kann. Ein schöner Abend. Aber ich kann mich auf den Anblick nicht einlassen, hoffe, morgen an Land zu sein, obwohl sich mir bei dem Gedanken der Magen zusammenzieht. Während ich zu meinem Platz gehe, entdecke ich in einer Ecke neben dem Abfall eine Metalldose, in der einmal Kekse waren. Sie ist etwas verkratzt, aber der Deckel schließt gut. Die werde ich Jamal zum Abschied schenken. Mit dem Elefanten und ein paar Kronkorken, die ich gesammelt habe. An meinem Platz angekommen, setze ich mich auf meine Decke und schnitze den Elefanten fertig, bevor ich mich schlafen lege.

Es ist noch sehr früh, als ich wach werde. Alle schlafen. Dunst liegt auf dem Wasser. Wunderschön sieht es aus. Ich hatte diesmal einen schlimmen Traum. Eine Herde Wüstenelefanten war zwischen die Fronten der Stammeskriege geraten. Tote Menschen lagen neben toten Tieren. Schüsse von allen Seiten. In dem Chaos lief ein kleiner Elefant auf mich zu. Ich sah, wie hinter ihm ein Soldat auf ihn anlegte, und rannte schreiend in die Schusslinie. Dann bin ich aufgewacht.

Es scheint nie aufzuhören mit den Kriegen. Nomaden kämpfen gegen Sesshafte und umgekehrt. Islamistische Gruppierungen verschlimmern die Lage. Europa hat uns Soldaten geschickt, greift in die Kämpfe ein. Aber ich bin inzwischen misstrauisch. Sind die europäischen Soldaten da, um den afrikanischen Menschen zu helfen, oder wollen sie die Sahelzone kontrollieren? Ich weiß nur, dass Hunderttausende vor dem Krieg im Norden geflohen sind.

Und dann wird es plötzlich ernst. Wir haben eine Anlegeerlaubnis in Catania! Das Deck verwandelt sich in einen Bienenschwarm. Alle suchen ihre Sachen zusammen, bis sie schweigend dem Anlegemanöver zusehen.

Ich gebe Jamal die Dose. Er öffnet sie nicht, legt sie aufs Deck. Dann springt er an mir hoch und schlingt seine Arme um meinen Nacken. Ich halte ihn fest. Die Mutter hat die Dose aufgehoben und hineingesehen. Wir weinen alle drei. Weil wir Abschied nehmen müssen, weil die Zukunft so ungewiss ist, wegen der kleinen Elefanten und dieser schrecklichen, traurigen, wunderbaren Welt.