Josefa Bissels
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Der Käfer

Illustration zur Kurzgeschichte „Der Käfer“

Als Hanna an einem der letzten Oktobertage nach Hause kam, sah sie zum ersten Mal den Käfer. Er war mindestens zwei Zentimeter groß, hatte lange Fühler und kräftige Hinterbeine. Sie betrachtete ihn genauer und fand, dass er interessant aussah. Ein kleiner Kopf mit seitlich hervorstehenden Augen saß auf einem eckigen Körper. Die auf dem Rücken gefalteten Flügel waren etwas heller als die fast schwarze Grundfärbung. „Was machst du denn hier?“, redete sie ihn an und beobachtete, wie er seine Fühler langsam hin- und her bewegte. Sonst saß er ganz still oben am Badezimmerfenster. Sie kippte einen Fensterflügel auf, so dass der Käfer die frische Luft riechen konnte und dann vielleicht von selbst wegfliegen würde.

Hanna behandelte Tiere mit Respekt. Auch Insekten, nachdem sie gelesen hatte, dass einige Spinnenarten ihre Jungen füttern. Seitdem tötete sie Spinnen nicht mehr, sondern beförderte sie mit Kehrblech und Handfeger nach draußen. Leo fand das übertrieben, behandelte aber sowohl seine Frau als auch die vorübergehenden Mitbewohner*innen mit Nachsicht. Ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, wenn hin und wieder eine Maus in der Küche lebte, die von der Katze angeschleppt worden und dieser dann entwischt war. Und die zielsicher den Spalt unter der Spüle gefunden hatte, wo sie es sich bei den Abfalleimern gut gehen ließ. Hanna beseitigte ihre Köttel und Ida legte ihr hin und wieder eine besondere Delikatesse hin. Irgendwann jedoch wurde es Leo zu viel und er stellte die Lebendfalle auf. Die vertrauensselige, dicke Maus tappte beim ersten Versuch hinein und wurde von Hanna und Ida mit guten Wünschen im Garten freigelassen.

Um den Käfer musste sich niemand kümmern, Hanna vergaß ihn. Allerdings waren am nächsten Morgen zwei Käfer oben an der Dusche, die genau gleich aussahen. „Haste deine Frau nachgeholt?“, fragte sie und schüttelte den Kopf. Sie hatte nicht gut geschlafen, war mal wieder mit einer Ahnung von Unheil aufgewacht. Hatte noch eine Weile mit geschlossenen Augen nach dem Traum gesucht, der sie so verunsichert haben musste, aber nicht mal ein Stückchen eines Traums gefunden. Doch der Spuk verschwand schnell. Keine Zeit und kein Grund, sich Sorgen zu machen. Bevor sie nach unten in die Küche ging, schaute sie noch schnell zu Ida herein, die schon auf der Bettkante saß. „Alles okay?“ Der Daumen ihrer Tochter zeigte nach oben. Dieses Mädchen war ein Glücksfall. Während andere Fünfzehnjährige ihre Eltern zur Verzweiflung trieben, war Ida fleißig in der Schule und aktiv in zwei Sportvereinen. Ehrlich gesagt, war Hanna das schon zu viel Sport, wo Ida doch so schlank war. Aber es schien ihr Spaß zu machen und war ja gesund. Neuerdings kochte sie am Abend, probierte Rezepte aus. Besonders Leo war davon angetan, obwohl er Angst hatte, eine Wampe anzusetzen.

Er war im Gegensatz zu Hanna Frühaufsteher und liebte es, vor dem morgendlichen Chaos seine Ruhe zu haben, verschwand dann hinter der Zeitung. Der Vorteil war, dass er als erstes Kaffee kochte, so dass Hanna, kaum in der Küche, sich schon eine Tasse einschütten konnte.

Ida fragte, was das für komische Käfer wären oben im Bad. „Irgendwie nicht geheuer“, meinte sie, während sie langsam einen Apfel kaute wie jeden Morgen. Sonst aß sie nichts zum Frühstück. Leo hatte die Käfer noch gar nicht gesehen.

Als Mann und Tochter aus dem Haus waren, las Hanna die Zeitung und trank den Rest Kaffee. Anschließend räumte sie die Küche auf, bevor sie für zwei bis drei Stunden zu Leo ins Büro fuhr. Seine Installationsfirma florierte, er hatte gerade zusätzlich Leute einstellen müssen. Aber für Hanna blieb noch jede Menge zu tun. Sie war für alles zuständig, was aus dem Rahmen fiel, kümmerte sich um Reklamationen und schwierige Kund*innen. Manchmal fand sie das anstrengend, aber es machte ihr trotzdem Spaß. Als sie an diesem Vormittag aus dem Haus ging, ließ sie das Badezimmerfenster weit offen stehen.

Mittags stellte Hanna fest, dass die Käfer noch da waren. Sie saßen wie am Morgen nahe beieinander oben an der Dusche. „Das müsst ihr einsehen“, sagte sie zu ihnen, „dass ihr nach draußen gehört“, und löste vorsichtig einen nach dem anderen mit dem Handfeger ab, so dass sie aufs Kehrblech fielen. Ließ sie dann auf die paar Reihen Dachpfannen gleiten, die unter dem Badezimmerfenster lagen. Sie beobachtete, wie einer auf dem Rücken liegen blieb und mit den Beinen strampelte, dann aber den Dreh kriegte und wie flugbereit in Richtung Garten sitzen blieb. Den anderen hatte sie aus den Augen verloren. War vielleicht bis in die Dachrinne gerutscht. „Jetzt habt ihr eure Chance“, sagte sie laut und machte das Fenster zu.

Trotzdem war am späten Abend schon wieder ein Käfer da. Saß diesmal auf der schmalen Fensterbank im Bad und rührte sich nicht. Riesig, dachte sie und nahm sich vor, ein Foto von ihm zu machen. Dann würde sie mal im Bestimmungsbuch nachsehen.

Am nächsten Tag war der Käfer weg. Komisch, dachte sie und fragte Leo danach. Ja, Leo hatte ihn im Klo entsorgt. „Das finde ich nicht gut“, ereiferte sie sich und begann, das Lebensrecht der Käfer zu verteidigen. Während sie sich darüber stritten, kam Ida und erzählte, dass sie gestern eins dieser Urzeitviecher, wie sie sich ausdrückte, im Flur gesehen habe. Waren die jetzt überall? Was wollten die bei ihnen? Die Vorstellung, dass ihr praktisch in jeder Ecke eines dieser dicken, komischen Tiere begegnen konnte, gefiel auch Hanna nicht.

Als sie nach dem Frühstück alleine war, holte sie sich das Bestimmungsbuch an den Küchentisch und suchte die Seiten über Käfer. Es gab jede Menge in vielen Größen und Farben. Bei den Marienkäfern blieb sie hängen, weil sie sich plötzlich als Kind sah, eine durchlöcherte Cellofantüte in der Hand und eifrig die Punkte der gesammelten Glücksbringer zählend. Es gab tatsächlich offiziell Einpunkt-, Zweipunkt-, Siebenpunkt- und 22-Punkt-Marienkäfer. Sie lächelte, blätterte, las. Manche sahen wirklich komisch aus. Der größte heimische Bockkäfer wird sechs Zentimeter groß. Dagegen war ihrer ja ein Zwerg. Warum hießen die denn Bockkäfer? Aufmerksam betrachtete sie die farbigen Bilder und fand ein Exemplar, das ihr bekannt vorkam. Hausbock, las sie, das konnte er sein. Aber dann wurde ihr fast schlecht bei dem, was sie las. Einer der gefürchtetsten Schädlinge unter den Insekten in Häusern, stand da. Und weiter: Die Weibchen legen über 100 Eier in Dachbalken aus Nadelholz. Die Larven fressen breite Gänge ins Holz, lassen die Oberfläche aber intakt. Obwohl die stehengebliebene Holzschicht nur millimeterdünn ist, sehen die Balken unversehrt aus.

Jeden Augenblick kann alles zusammenstürzen, dachte sie und schloss für einen Moment die Augen, kämpfte gegen eine plötzliche Übelkeit. Dann stand sie auf, räumte den Tisch ab und schüttete den Rest Kaffee weg. Sie würde im Internet nachforschen, brauchte mehr Informationen. Dort erfuhr sie, dass der Befall meldepflichtig war, dass er an den ovalen Schlupflöchern erkannt werden konnte und dass die großen Larven deutlich hörbare Fressgeräusche machten.

Sie musste auf den Speicher! Die Balken kontrollieren! Auf Fressgeräusche horchen! Sie lief die Treppe hoch und öffnete die Klappe an der Decke, zog die Speichertreppe heraus. Ein bisschen Staub, oder war das Holzmehl, rieselte herab. Mit Herzklopfen stieg sie drei Stufen hoch, hielt dann inne und horchte. Sie spürte einen leisen Luftzug, roch ein Gemisch aus Staub, Stroh und irgendetwas Undefinierbarem. Hörte ein ganz schwaches Rascheln hin und wieder. Das konnte die Luft in den Strohpuppen sein. Waren da Fressgeräusche? Sie musste ganz nach oben, wollte auch, konnte aber nicht. Sie ekelte sich bei der Vorstellung, wie die dicken Larven in den Balken fraßen und fraßen, vor den Löchern, aus denen die Käfer herausgekrochen waren. Einen Moment stand sie absolut still auf ihrer Stufe. Und da hörte sie ein ganz leises Raspeln, fast unhörbar, das mussten die Fressgeräusche sein! Knusper, knusper knäuschen, fiel ihr blöderweise ein, dann läutete das Telefon, das sie zum Glück oben abnehmen konnte.

Es war Leo, der sie bat, heute länger im Betrieb zu bleiben, weil er erst am späten Nachmittag zurückkommen würde. Sie hatte vorgehabt, ihm sofort von der Katastrophe zu erzählen, die sie bedrohte, aber er war so in Eile, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als damit zu warten. Also machte sie sich auf ins Büro. Es kam gut aus, denn Ida würde in der Schule essen und die nötigen Einkäufe konnte sie auf dem Rückweg erledigen.

Als sie Leo am Abend von den Käfern und Larven in den Balken erzählte, reagierte er weniger erschrocken, als sie erwartet hatte. Am besten bestellst du einen Kammerjäger, sagte er etwas abwesend. Sie zeigte ihm den Käfer im Bestimmungsbuch, aber er wusste nicht mehr so recht wie der in ihrem Badezimmer ausgesehen hatte, berichtete stattdessen von einem Kunden, der zahlungsunfähig zu werden drohte und ihnen noch Geld schuldete.

In der Nacht wachte sie auf und hörte die Larven fressen. Gleichmäßig, ohne Pause, kam das leise Raspeln aus ihrem Kopfkissen. Sie setzte sich angeekelt auf, redete sich gut zu. Fand, dass sie offensichtlich eine Madenfressphobie entwickelt hatte, die zu einer Gehörhalluzination geworden war. Dagegen half nur der Rest Rotwein, der noch in der Küche stand. Sie ging nach unten, trank und legte sich wieder ins Bett. Sofort fingen die Fressgeräusche von neuem an. Also vermied sie es, mit den Ohren auf dem Kissen zu liegen, um alle anderen Geräusche aus dem eigenen Innenleben auszuschließen. Still lag sie auf dem Rücken und lauschte. Da war Leos Atem, nah und beruhigend gleichmäßig. Auf der Straße kamen Stimmen näher und entfernten sich wieder. Eine Tür schlug zu, und gleich darauf startete ein Auto. Um sechs kamen die Flugzeuge, alle zehn Minuten, ein gleichmäßiges An- und Abschwellen. Eine früh erwachte Taube stieß ihr langgezogenes Rufen aus. Dann nahm der Sraßenverkehr kontinuierlich zu. Als Leos Wecker klingelte, blieb sie noch liegen, umgeben von all den Geräuschen, auf die sie sonst nicht geachtet hatte.

Den ganzen Tag kam es ihr vor, als wären ihr die Ohren aufgegangen. Hatte sie jemals vorher die Krallen der Katze auf dem Küchenboden gehört, dieses ganz leise Klicken, den Vorhang vor dem geöffneten Fenster? Ich höre das Gras wachsen, dachte sie, denn auch ohne Kopfkissen meldeten sich die Larven wieder in ihren Gehörgängen, fraßen und fraßen.

Sie suchte im Internet nach einem Kammerjäger und fand eine Holzfirma, die speziell gegen Insekten in Hölzern vorging. Aber sie bekam keine Verbindung. Als sie es um drei Uhr zum X -ten Mal versuchte, lief schon der Anrufbeantworter und verwies sie auf den nächsten Tag. Der nächste Tag war Montag, denn vor ihnen lag das Wochenende, das sie irgendwie überstehen musste.

Überraschenderweise wurde es am Abend noch richtig schön. Leo kam relativ früh nach Hause, und weil das Wetter so umwerfend war, fuhren sie mit den Rädern los und aßen in einem Lokal mit Blick auf den Sonnenuntergang. Ida hatten sie eine Nachricht auf den Küchentisch gelegt. Sie war zum Basketballtraining. Natürlich hatte Hanna nur ein Thema. Aber Leo glaubte nicht, dass der Zusammenbruch ihres Dachstuhls unmittelbar bevorstand. Er fand, es könne sich auch um eine ähnlich aussehende, harmlose Käferart handeln. Der Fachmann käme ja bald. Sein Optimismus war ansteckend und Hanna fuhr leicht beschwipst und gut gelaunt nach Hause.

Es war fast dunkel, als sie ankamen. Ida saß am Küchentisch und hatte sich einen großen Teller mit Bratkartoffeln und Spiegeleiern gemacht, wozu sie Essiggurken aß. Als Nachtisch stand ein Rest Pudding mit Sahne neben ihrem Teller. Hanna freute sich über den Appetit ihrer Tochter, die bald nach dem Essen in ihr Zimmer ging, um an einem Referat zu arbeiten, wie sie sagte.

Leo saß inzwischen im Wohnzimmer und sah sich eine politische Sendung an. „Kommst du auch?“, rief er. Sie stand in der Küche. „Gleich“, rief sie zurück, rührte sich aber nicht vom Fleck, weil aus dem Badezimmer oben komische Geräusche kamen. Sie horchte irritiert. Ob es Ida schlecht geworden war und sie sich jetzt übergeben musste? Während sie schnell die Treppe hochging, hörte sie die Toilettenspülung. Vor der Badtüre blieb sie stehen, klopfte. „Alles in Ordnung?“, fragte sie. Die Antwort war ein knappes „Ja“. „Oder ist dir schlecht?“, wollte sie wissen und betrachtete das bunte Türschild, das sie mal zusammen gebastelt hatten. Da kam Ida sichtlich genervt aus dem Badezimmer. „Ich hab’ doch gesagt, dass alles in Ordnung ist“, warf sie ihr hin und verschwand in ihrem Zimmer. Langsam ging Hanna die Treppe wieder hinunter.

In der Nacht gelang es ihr, auf dem Rücken zu schlafen, so dass sie am Morgen erholt aufwachte.

Samstags und sonntags frühstückten sie immer ausgiebig. Auch Ida nahm sich ein aufgebackenes Brötchen, bestrich es mit Nutella und legte Käse darauf. Das Gespräch ging locker hin und her, konzentrierte sich dann aber auf das Basketballspiel, das in zwei Stunden stattfinden sollte. Der gegnerische Verein war nicht so gut wie der von Ida, die sich auf das Spiel freute. „Willst du dein Ei nicht essen?“, fragte Leo, als sie aufstand, um sich für das Spiel fertig zu machen. „Voller Bauch verliert zu gern“, warf sie ihm über die Schulter zurück, so dass er lachen musste. Später stand Hanna in der Diele und horchte nach oben. Kamen da nicht wieder diese eigenartigen Geräusche aus dem Bad? Bald darauf fuhr Ida mit dem Rad zur Sporthalle, die um die Ecke lag.

Erwartungsvoll saßen Hanna und Leo später auf den Zuschauerbänken. Als die Spielerinnen aufs Feld kamen, suchte Hanna mit den Augen ihre Tochter und fand sie wieder mal besonders hübsch. Ida hatte ihre Locken hochgebunden und war die schlankste von allen. Aber als sie zusammen mit den anderen in einer Reihe stand, unmittelbar vor Beginn des Spiels, erschrak Hanna. Ida war zu schlank, fast schon mager! Hatte sie abgenommen? Dabei aß sie zwar im Allgemeinen wenig, aber manchmal, wie gestern Abend, auch richtig viel. Während sie sich noch fragte, ob Ida vielleicht krank war, traf sie plötzlich ein Gedanke, der sie den Atem anhalten ließ. Steckte Ida sich nach dem Essen den Finger in den Hals? Erbrach sie, was sie gegessen hatte, damit sie nicht zunahm? Wie hieß das noch mal, sie hatte davon gelesen. Es war eine Sucht. Jeden Augenblick konnte alles zusammenbrechen! Ihre Tochter hatte Bulimie, der Name war ihr gerade wieder eingefallen. Wie lange ging das schon so? Ida musste verunsichert und unglücklich sein. Wieso hatte sie das nicht bemerkt?

Zum Glück war sie nach dem Spiel mit Leo allein, denn Ida wollte zur Siegesfeier bleiben. Das bedeutete ja wohl, dass ihr Verein gewonnen hatte. Hannas Blicke waren zwar immer wieder ängstlich zu ihrer Tochter gegangen, aber das Spiel war unbemerkt an ihr vorbeigerauscht.

Leo unterbrach sie nicht, als sie ihm erzählte, wovon sie inzwischen überzeugt war, nickte nur hin und wieder. „Ja“, sagte er, als sie schwieg, „ich fürchte, du hast Recht, das passt alles zusammen. Unser armes Mädchen!“ Den Rest des Wochenendes suchten sie nach Informationen über Essstörungen, sprachen darüber, wenn Ida nicht in der Nähe war. Sie fragten sich, wie sie sich verhalten sollten, waren sich einig, dass sowohl Ida als auch sie Hilfe brauchten. „Hauptsache, wir wissen es jetzt“, sagte Leo, „dann können wir was tun.“ Hanna nickte.

Am Montagmorgen fand sie in der Zeitung einen Artikel, den Leo rot angestrichen hatte. Er handelte von einer bestimmten Wanzenart, die in diesem Jahr gehäuft vorkam. Die etwa zwei Zentimeter großen Tiere legten ihre Eier in Fichtenzapfen und suchten Unterschlupf in Häusern, waren aber unschädlich.