Viktor und Marie
Alles sieht ganz anders aus. Die Kastanienallee, durch die Marie mich von der Klinik nach Hause fährt, kommt mir fremd vor. Haben die Bäume in jedem Frühling dieses umwerfende Grün?
Und kann es sein, dass die Farben der Bleiverglasung schon immer bei diesem Licht auf dem Dielenteppich lagen?
Bella thront auf dem Klavier. Ich mochte es noch nie, wenn die Katze auf dem polierten Holz sitzt und scheuche sie immer herunter. Aber sie sitzt so aufrecht neben der Tonschale und sieht mich so aufmerksam an, dass ich einfach mit ihr reden muss. Es rührt mich, dass sie ihren Kopf an meine Brust lehnt, als ich sie am Hals kraule.
Ich schaue Marie gerne zu, egal was sie macht. Wie kann ein Mensch nur so anmutig sein? Ihr locker aufgestecktes Haar mit den herabfallenden Strähnen an Schläfe und Nacken wirkt lässig und ein bisschen unfrisiert, aber ich weiß, wieviel Arbeit sie sich damit macht. Auch mit dem Make-up und allem, was dazugehört. Sie ist eine Perfektionistin, der Erfolg gibt ihr Recht.
Aber dann kommt mir auf einmal alles so künstlich vor: Die edel eingerichtete Küche, die strahlende Marie mit Gläsern in der Hand, die Champagnerflasche, die sie mir hinschiebt, damit ich sie öffne. Warum nehme ich sie nicht einfach in den Arm und erzähle ihr, was ich bei meiner Operation erlebt habe? Von diesem Licht, das mich mit Verstehen und Liebe umgab. In dem ich mich zu Hause fühlte, wie noch niemals zuvor. Ich müsste ihr auch sagen, dass ich nicht zurückkommen wollte. Aber sie würde lachen, so wie ich früher gelacht hätte. Das könnte ich nicht ertragen.
Ich komme mir unehrlich vor, als wir auf unser neues Leben anstoßen, weil ich weiß, dass wir beide etwas anderes darunter verstehen. Merke, dass sie angespannt ist hinter ihrer Schönheit. Spüre ihren Kuss und werde von ihr in den Garten gezogen.
Viktor ist komisch, auf jeden Fall nicht wie vor seiner Operation. Er sieht mich anders an seitdem. Reanimiert hat man ihn. Er ist dem Tod sehr nah gewesen.
Irgendwie gefällt mir dieser neue Blick, aber irgendwie auch nicht. Früher war er in Gedanken oft woanders, wenn wir zusammen waren, was mich verletzte. Manchmal habe ich ihn dann gefragt, woran denkst du, aber er hat nichts dazu gesagt, sah nur ertappt aus. War kurze Zeit besonders zugewandt und rutschte dann wieder ab in seine Gedankenwelt. Er hat dauernd mit schwierigen Leuten zu tun. Und er muss sich Gedanken machen, weil es dabei um große Summen geht, das verstehe ich ja.
Vielleicht wäre es anders, wenn wir Kinder hätten. Aber das haben wir immer wieder aufgeschoben und später hat es nicht mehr geklappt. Ich finde es nicht so schlimm. Obendrein ist Viktor wenig zu Hause und wäre ein abwesender Vater geworden.
Ich will nicht so aufmerksam angeschaut werden, als würde er mir in die Seele sehen. Das verunsichert mich.
Der Garten verbindet mich mit Marie. Ich bin noch nicht wieder angekommen in unserer Beziehung. In mir zittert noch ein anderes Glück. Viele Male am Tag durchfährt es mich wie ein Schrecken.
Ihre Hand fühlt sich warm an und lässt meine nicht los. So wünsche ich es mir, dass sie mich an die Hand nimmt und mir dieses Leben wieder schmackhaft macht.
Ein Glück, dass wir damals das Nachbargrundstück kaufen konnten, das zur hinteren Grenze ansteigt. Dort schimmert es jetzt weiß unter den Buchen. Das sind Buschwindröschen, habe ich gelernt und behalten. Sonst kenne ich nur wenige Pflanzennamen, das ist Maries Spezialität. Es passt gut, dass sie Landschaftsarchitektin ist. Ich verkaufe die Häuser, Villen vor allem, und sie gestaltet die Gärten und Parks nach den Vorstellungen der neuen Besitzer.
Ich wundere mich, wie klar das Wasser des Teichs ist und dass die Seerosenblätter unter der Oberfläche liegen und rot aussehen. Eine gelbe Sturzflut fasziniert mich, die Wasser und Ufer verbindet. Sumpfdotterblumen erfahre ich von Marie und weiß, dass ich den Namen nicht behalten werde, schäme mich ein bisschen im Voraus.
Der Garten ist bestens geeignet, um vor Viktors Blick zu fliehen. Natürlich kann er mir nicht in die Seele sehen, aber es fühlt sich so an. Ich muss mich an den neuen Viktor gewöhnen, auch ihm gegenüber cool werden. Schließlich kann ich allen anderen lächelnd ins Gesicht lügen. Kackfrech, sagte meine Mutter immer. Früher waren wir beide gleich locker und haben uns nicht mit Blicken in die Tiefe genötigt. Und obendrein finde ich, dass jede und jeder seine Intimsphäre haben darf, ob verheiratet oder nicht. Allerdings, manchmal werde ich schwach, da kommt so eine Sehnsucht in mir hoch nach dem totalen gegenseitigen Verstehen. Was es nicht gibt, ich weiß. Aber vielleicht suchen wir unbewusst weiter und kommen dabei manchmal auf Abwege. Das soll keine Entschuldigung für meinen Seitensprung sein, aber trotzdem könnte es ja mitgespielt haben.
Es hat sich einfach ergeben. Viktor war wieder mal eine Woche wegen seiner Prachtbauten unterwegs. Ich bin ganz gern allein, aber ich bin auch empfänglich für bewundernde Blicke, mag es, wenn man mir Komplimente macht. Jedenfalls weiß ich noch genau, dass ich die rote Kappe trug, die mir so gut steht zu dem grünen Arbeitsoutfit, und mit dem Gärtner sprach. Da kam Stefan auf mich zu und brachte eine Verlegenheit mit, die mir gefiel. Bat mich, noch mal ins Haus zu kommen, wenn ich fertig sei. Ich wusste, dass es nichts mehr zu besprechen gab.
Es folgte eine wunderbar verrückte Zeit, in der ich kaum Gewissensbisse hatte. Was sich dann schlagartig änderte, als Viktor so krank war. Da konnte ich mich nicht mehr mit Stefan treffen. Ich kam überhaupt nicht mehr klar, fühlte mich schuldig und habe Schluss gemacht. Weil die Liebe zu Viktor so im Vordergrund stand, die Angst um ihn.
Aber jetzt bin ich erstmal glücklich, dass er seinen Infarkt überstanden hat. Und ich freue mich auf unser neues altes Leben.
Ich will mein altes Leben nicht einfach fortsetzen. Was hat es für einen Sinn, zwischen den Superreichen immer wieder Superimmobilien zu verschieben und dabei eine Menge Geld zu verdienen, das wir in London oder New York oder mit einer neuen Superyacht wieder ausgeben?
Früher hatte ich solche Gedanken nicht. Aber nach meinem klinischen Tod war die Frage nach dem Sinn plötzlich in mir, ich weiß auch nicht wie. Es muss von dem Licht gekommen sein, von dem ich mich verstanden wusste. Von dieser Liebe, die ein Gefühl von Verantwortung in mir weckte. Vor allem aber war ich erfüllt von einem Glück, das zu beschreiben mir die Worte fehlen. Die Wissenschaft hat hirnphysiologische Erklärungen für die Nahtoderfahrungen. Aber das interessiert mich nicht, weil ich weiß, was ich erlebt habe.
Ich stelle mir vor, dass ich nach und nach die Vermittlung von Villen aufgeben und mich um andere Projekte kümmern werde. Ein paar Ideen habe ich schon. Am liebsten würde ich mit einem Architekten alte Gebäude entsprechend verändern und sie dann günstig vermieten. Mal sehen, was sich ergibt. Das bedeutet natürlich, dass ich viel weniger verdienen werde. Mir macht das nichts aus, ich will ja die Veränderung, aber wird Marie damit zurechtkommen? Marie, die Luxus gewöhnt ist und ihn braucht. Marie, die bewundert werden will. Dabei ist ihr Lächeln das Schönste an ihr. Es kleidet sie auch, wenn sie nackt ist. Vielleicht müsste ich ihr öfter sagen, wie sehr ich ihre Lachfalten liebe und diesen hinreißenden Knick in ihrem Kinn. Aber wenn ich von Falten spräche, wäre sie wahrscheinlich schockiert, und die Botschaft käme gar nicht an. Schöne Frauen leiden besonders unter dem Älterwerden, glaube ich. Ich werde mir endlich ein paar Bücher über Psychologie kaufen. Auch Philosophie interessiert mich neuerdings, die Frage nach der Verantwortung.
Was hat er sich dabei gedacht! Unser ganzes Leben umzukrempeln! Keine Villen mehr, sondern Projekte für Minderbemittelte! Was bedeutet, dass er nur noch einen Bruchteil des Üblichen verdienen wird. Und das bloß wegen ein paar suspekter Erlebnisse im Krankenhaus.
Natürlich hat es ihn verletzt, dass ich dieses Liedchen gesungen habe, als er mir erklären wollte, woher sein Sinneswandel kommt. War selber überrascht, dass es mir einfiel. „Die Seele schwinget sich wohl in die Luft juchhe, der Leib allein bleibt auf dem Canapé.“ Meine Mutter hat es öfter gesungen, wenn sie gute Laune hatte.
Stottert da von Außerhalb-des-Körpers-sein-und-doch-alles-mitkriegen, von überwältigendem Glücksgefühl. Man weiß ja, dass es sich dabei um Halluzinationen handelt. Irgendwelche Stoffe sind daran beteiligt, Endo… ich weiß nicht so genau. Und diesen Einbildungen opfern wir unser gewohntes Leben! Das will ich nicht, dazu werde ich nicht ja sagen. Es passt auch nicht zu dem Viktor, den ich geheiratet habe. Hätte nicht gedacht, dass er so dumm sein kann!
Jetzt ist es mir zum Ohrwurm geworden, das Liedchen mit der Kindermelodie.
Selbst Schuld, kann ich nur sagen, ich wusste es ja vorher. Aber ich konnte nicht anders, musste ihr den wahren Grund für mein verändertes Verhalten mitteilen, wollte es wenigstens versuchen. Aber als sie dann dieses Machwerk trällerte, konnte ich nur aus dem Zimmer gehen, sonst hätte ich sie angeschrieen. Dabei war es so ein schöner Nachmittag. Maries Sieg beim Golf, unsere gute Laune an der Bar mit einigen Freunden. Der Heimweg zu Fuß am Rhein entlang. Romantisch mit dem rosa Himmel in der Abenddämmerung. Ich fühlte mich Marie sehr nah, wir hielten uns immer wieder an den Händen. Habe mich von der Stimmung verführen lassen, die auch zu Hause noch anhielt.
Ich glaube, Marie ist ziemlich sauer. Aber ich kann nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen. Stattdessen suche ich die Nähe zu dieser Dimension, der ich schon so nahe war. Am besten gelingt mir das bei Fahrten über Land. Ich vermeide die Autobahn, höre Musik, halte einfach an, wo es schön ist und schaue in die Ferne. Hinterm Horizont ist das Licht. Das weiß ich jetzt. Es scheint in unsere Schattenwelt. Manchmal wird es ganz deutlich, manchmal nicht. Aber immer fühle ich mich beschenkt, wenn ich weiterfahre.
Es macht mir nicht so viel Spaß wie sonst. London ist natürlich toll. Das Hotel, die Shops, die Sehenswürdigkeiten. Meine Freundinnen sind gut drauf, die Sonne scheint, alles paletti. Und trotzdem ist der Wurm drin. In den unpassendsten Situationen fällt mir ein, was Viktor neulich über die Maßlosigkeit der Reichen gesagt hat. Beim Bezahlen der teuren Handtasche beispielsweise, in die ich mich verliebt habe. Und Mehltau legt sich auf das kostbare Leder.
Er hat nicht protestiert, als ich wie jedes Jahr nach London gefahren bin. Augenblicklich haben wir ja noch Geld, abgesehen davon, dass ich auch nicht schlecht verdiene, was bald ebenfalls vorbei sein wird. Häuser mit Billigwohnungen sind höchstens von städtischen Anlagen umgeben. Ich will nicht, dass sich alles ändert, es soll bleiben, wie es war! Und vor Weihnachten fliege ich wieder nach New York!
Marie hat mir gar nicht vorgeführt, was sie in London gekauft hat. Sonst macht sie immer eine Modenschau, stolziert mit jedem neuen Teil Hüften schwingend durchs Wohnzimmer, besser als jedes Model. Sie kann so herrlich übertreiben und ihre Show genießen. Wir kommen aus dem Lachen nicht heraus, trinken viel und landen statt im Bett auf dem Teppich.
Ich glaube, sie weicht mir aus. Wir sollten bald mal Ferien machen. Nur wir beide, ohne großen Rummel. Ich habe da schon eine Idee.
Da hat Viktor sich echt was Schönes ausgedacht. Er weiß, dass ich von den Parks um Potsdam schwärme. Linné war genial. Überall diese Sichtschneisen. Man steht am Marmorpalais und blickt weit über die Havel zum weißen Schloss auf der Pfaueninsel. Geradezu unwirklich, vor allem, wenn Dunst auf dem Wasser liegt.
Zuerst hat mir alles gut gefallen. Das Radfahren durch die hügeligen Parks, das Wohnen auf dem Wasser in diesem perfekten Boot. Aber bald wurden mir die Abende lang. So viel Stille bin ich nicht gewohnt. Natürlich finde ich es schön, irgendwo zu ankern und vom Achterdeck aus die Sonne untergehen zu sehen. Magische Augenblicke, wenn der Wind sich legt, das Wasser glatt wird und die Sonne zweimal zu sehen ist, bevor sie ganz verschwindet. Vielleicht fliegen noch ein paar Wildgänse vorbei. Wie Traumbilder kommt es einem vor. Ich hab gemerkt, dass es mir gut tat, dass es uns gut tat.
Aber irgendwann fing es an, mich zu nerven. Ich ertrage das nicht viele Tage hintereinander. Viktor hat es bestimmt nicht gefallen, dass ich anfing, stundenlang zu telefonieren. Er saß auf dem Achterdeck und ich im Salon oder umgekehrt. Aber es liegt mir eben nicht, so viel zu lesen. Viktor ist neuerdings von Büchern total gefesselt. Also hab ich mit Freundinnen geredet und gelacht. Auch der Gedanke an Stefan war plötzlich da, aber natürlich habe ich ihn nicht angerufen.
Ich habe es Marie deutlich angemerkt, dass sie das Leben auf der Havel leid war. Aber das ist ja kein Problem bei all den Wasserstraßen um und in Berlin. Marie wollte unbedingt zum KaDeWe, das ich geradezu lächerlich luxuriös finde. Aber gut, obligatorischer Schuhkauf, Rufe des Entzückens. Das exquisite Essen haben wir beide genossen. Ihre Begeisterung ist umwerfend und ansteckend, auch beim Rikscha fahren. Sitzt neben mir wie die Kaiserin von China, breitet auf dem Dach des Reichstags die Arme aus wie ein glückliches Kind. Was mich auch glücklich macht.
Aber dann hat mich der Graben schockiert, der plötzlich zwischen uns sichtbar wurde.
Es war nicht mal ein Streit. Irgendwo hatte sie überraschend alte Freunde getroffen und sich im Vorübergehen für den Abend verabredet. Wir saßen in einem Straßencafé, als sie davon erzählte. Ich sah ihre Freude, hörte ihr zu, wie sie die Freunde gekonnt charakterisierte. Ein Abend mit Bars und Party erwartete uns. Marie war in ihrem Element, reichte mir über den Tisch die Hand, schwärmte. Wir machen die Nacht durch wie früher, sagte sie glücklich.
Aber ich wollte nicht mit. Bei der Vorstellung, den Abend und die ganze Nacht an Theken zu verbringen mit Leuten, die ich nicht kannte, wurde mir schlecht. Ich konnte einfach nicht.
Ihr Gesicht, als ich es ihr sagte. Ungläubig, verletzt, ärgerlich. Seitdem ist da dieser Kloß in meinem Hals. Es fühlt sich wirklich so an. Alles Schlucken und Räuspern hilft nichts. Es ist die Angst, sie zu verlieren.
Ich habe nichts erzählt von diesem Abend mit meinen alten Freunden. Viktor hat ein paar Mal gefragt, aber außer „nett“, „ganz okay“, habe ich nichts gesagt. Hätte ja mitkommen können.
Was das Schlimmste ist, es war gar nicht so toll. Und das lag auch daran, dass er nicht dabei war. Aber ich beiße mir eher die Zunge ab, als das zuzugeben.
Früher haben wir oft die Nächte durchgemacht und es hat uns beiden gefallen. Er hatte verrückte Einfälle und kam gut an mit seinem trockenen Humor. Manchmal konnte er auch ein Thema aus dem Ärmel schütteln, das eine hitzige Diskussion auslöste. Ich fand es sexy, dass wir ganze Abende nur mit den Augen in Verbindung blieben. Wir sahen uns an, manchmal über einen halben Raum hinweg, und wussten, was der andere dachte. Und wussten, dass wir es wussten.
Jetzt sind wir mitten in einer dicken Krise. Damit kann ich nicht umgehen. Wir müssten reden, aber wichtige Gespräche machen mir Angst.
Was passiert eigentlich gerade? Es muss doch möglich sein, ein sinnvolles Leben zu führen und gleichzeitig Spaß zu haben!
Nehmen wir an, es gelänge mir, einige Projekte für alle Seiten fair abzuwickeln, dann wäre das für mich mehr als nur ein beruflicher Erfolg. Ich hätte die Hoffnung, anderen das Leben ein bisschen erleichtert zu haben. Menschen würden von meiner Arbeit profitieren. Wobei der eigene Profit an Bedeutung verlöre.
Das könnte ich dann feiern mit Marie und anderen, meinetwegen die ganze Nacht.
Aber wie könnte ich mit Marie etwas feiern, das sie gar nicht zum Feiern fände? Wie kann ich eine Brücke über den Graben bauen?
Ich muss mit ihr reden, muss für meine neue Weltsicht werben.
Zugegeben, Viktor hat sich sehr angestrengt. Es liegt ihm viel daran, mich zu überzeugen. Aber je mehr er redete, desto mehr kam er mir wie ein Pastor vor.
Wieso soll man anderen helfen? Wer sich anstrengt, kommt auch zu was. Loser sind selbst schuld. Soll ich auf meinen Standard verzichten, damit es ihnen besser geht? Viktor ist dazu bereit, nicht nur bereit, er steht total dahinter. Als würde es ihm Freude machen. Viktor, der Gutmensch.
Zuletzt hab ich ihn vor die Wahl gestellt. Entweder deine neue Weltsicht, oder ich, hab ich gesagt, beides zusammen geht nicht.
Darauf wollte er sich nicht einlassen. Sprach von Verstehen, von Solidarität und Glück. Wir könnten doch…, vielleicht sollten wir…, stotterte er. Ich mag es nicht, wenn er so hilflos ist. Aber dann musste ich zu ihm gehen, weil mir auch zum Weinen zumute war.
Sie ist schon in der Luft, auf dem Weg nach New York. Zu Leuten, die am Hudson wohnen und sie schon oft eingeladen haben.
Ich wollte nicht mit zum Flughafen. Wir haben uns zu Hause verabschiedet, mit einer etwas angestrengten Leichtigkeit. Bis dann, mach’s gut! Als wäre es ein ganz normaler Abschied für höchstens ein paar Wochen.
Aber sie hat gesagt, dass sie nicht weiß, ob sie wiederkommt. Und ich habe dazu genickt. Wir wissen es nicht. Alles hängt von so Vielem ab.
Nur was uns am Ende erwartet, weiß ich. Und auch, dass jeden Augenblick Dinge möglich sind, die wir uns jetzt nicht vorstellen können.