Frau Boffi
Ich stand mit einem Einkaufszettel in Frau Boffis Laden und drückte mich bei dem Behälter mit Kaffeebohnen herum. Der Duft, den er verströmte, war unwiderstehlich. Frau Boffi, klein und rundlich, kam lächelnd zu mir herüber und öffnete den Deckel ein bisschen. Dankbar schloss ich die Augen und atmete das Kaffeearoma ein, bis mir schwindelig wurde. Als ich die Augen wieder öffnete, stand ein großer Mann hinter der Theke, der durch mich hindurch sah. Alles an ihm war weiß, die kurzen Haare auf dem Kopf, die Bartstoppeln in seinem bleichen Gesicht, der Kittel, den er trug. Ich starrte ihn an. Er murmelte etwas vor sich hin, das ich nicht verstand, immer wieder, während ich für ihn Luft zu sein schien.
Wer konnte das sein? Vielleicht ein Gespenst oder ein Engel? Aber ich war schon neun und glaubte nicht mehr an Gespenster. Und Engel hatten Flügel, wie man auf Bildern sehen konnte oder auf dem Friedhof, wo es viele Engelfiguren gab. Auch würde keiner hinter der Theke von Frau Boffis Lebensmittelladen stehen und durch mich hindurch sehen. Der weiße Mann vor mir musste ein Mensch sein, egal, wie eigenartig er aussah und sich benahm.
Während ich ihn weiter anstarrte und zu verstehen versuchte, was er unablässig vor sich hin murmelte, trat Frau Boffi an seine Seite und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Das ist Lissi, die Tochter unserer Mieterin“, sagte sie ruhig, und zu mir: „ Mein Mann.“ Ich streckte meine Hand über die Theke, die Herr Boffi in seine schlaffe Rechte nahm, und zum ersten Mal hörte ich ihn laut sprechen. Aber er sagte nicht „guten Tag“ oder irgendetwas Ähnliches, sondern: „Henni, ich bin so bang!“ Es klang wie ein Hilferuf, der alle, die ihn hörten, hilflos machen musste. Wovor hatte dieser große, weiße Mann mit dem unbewegten Gesicht Angst? Ich sah Frau Boffi an, die mit ernsten Augen lächelte. Eine Locke hatte sich aus ihrem Dutt gelöst und lag wie ein Fragezeichen auf dem Kragen ihres schwarzen Kleides. Als wäre nichts geschehen, fing sie an, mich zu bedienen.
Sie hieß also Henni und hatte einen Mann, der sehr komisch war. Inzwischen murmelte er weiter vor sich hin. Es waren nur zwei Worte, die er dauernd wiederholte, die ich jetzt aber verstand. „Henni bang“, sagte er, „Henni bang, Henni bang, Henni bang.“
Ich hörte auf, ihn anzustarren. Wenn er so viel Angst hatte, war ihm das bestimmt unangenehm. Also schaute ich mich in dem riesigen Eckgeschäft um, in dem außer mir kein Kunde war. Sah Frau Boffi zu, die mit meinem Einkaufszettel von Regal zu Regal ging. Alles wirkte leer, beinahe unheimlich. Auch Herr Boffi hatte angefangen, hinter der Theke auf und ab zu gehen.
Es dauerte lange, bis ich alle Einkäufe eingepackt hatte und das Geschäft mit einem genuschelten „Auf Wiedersehen“ verlassen konnte. Das musste ich meiner Mutter erzählen! Ich ging durch die hintere Türe in den Flur, von dem eine andere Türe in unseren Schreibwarenladen führte, der noch nicht fertig eingeräumt war. Wir wohnten erst wenige Tage im Haus der Boffis.
Meine Mutter nickte, als ich ihr erzählte, was ich erlebt hatte. Sie kannte Herrn Boffi schon. Ich war ein bisschen enttäuscht, weil die Sensation, die ich erzählen wollte, gar keine war. Obendrein fand ich, sie hätte mich über Herrn Boffi aufklären können.
Nach einer Weile fing ich trotzdem an, Fragen zu stellen. „Weißt du, warum Herr Boffi so komisch ist?“ Sie setzte sich in das Durcheinander von Warenstapeln und Möbelstücken und versuchte, mir zu antworten. „Er ist im Krieg verschüttet worden“, sagte sie, und ich erfuhr, dass über ihm ein Haus zusammengestürzt war. Er war Sanitäter gewesen und hatte versucht, einen verletzten Menschen aus dem Gebäude zu holen. Wie lange er unter dem Schutt gelegen hatte, wusste meine Mutter nicht. Ich saß auf einem Stück Theke und baumelte mit den Beinen, stellte mir vor, wie das wohl gewesen war, unter Steinen und Beton im Dunkeln zu liegen und nicht alleine frei zu kommen. Schmerzen zu haben und Angst. Ob er da zum ersten Mal „Henni bang“ gerufen hatte? Vielleicht erinnerte er sich heute noch jeden Tag daran? Lag immer noch unter dem Schutt und sah durch alles andere hindurch? Er war verrückt geworden! Das war die Erklärung! Und alles wegen dem Scheißkrieg! Ich dachte an meinen Vater, der im Krieg erschossen worden war. „Ist Papa auch von einem Sanitäter ins Lazarett gebracht worden?“ fragte ich. „Wahrscheinlich“, antwortete meine Mutter. „Kann es sein, dass…“ überlegte ich laut, aber meine Mutter schüttelte den Kopf, sie schien zu wissen, was ich fragen wollte. „Herr Boffi war in Russland, als das passierte“, sagte sie. Ich wusste, dass mein Vater in Frankreich gestorben war. Das Wort „gefallen“ vermied ich, weil ich es lächerlich fand. Schließlich war ich schon so oft gefallen und lebte immer noch! Ich wusste, dass der Krieg zuerst in Frankreich gewesen war, Russland war später gekommen.
„Sein Sohn ist in Frankreich gefallen“, hörte ich meine Mutter sagen. Auch das noch! Aber vielleicht erinnerte sich Herr Boffi gar nicht daran, sondern nur an sein Verschüttetsein, was gut für ihn wäre.
Im nächsten Moment fiel mir Frau Boffi ein, und ich erschrak. Sie erinnerte sich bestimmt an ihren toten Sohn und hatte obendrein einen armen Verrückten zum Mann! Ich schwieg, rutschte von der Theke, nahm meine Einkäufe und ging die Treppe hoch in unsere Wohnung.
Gewissenhaft räumte ich die Lebensmittel in die Schränke und machte viele Pausen dabei, weil ich so in Gedanken war. Später holte ich mir aus dem Wohnzimmer ein Bonbon und lutschte es langsam und hingebungsvoll. Beim Bonbonlutschen kamen mir oft gute Ideen und eine gute Idee brauchte ich unbedingt.
Als ich auf dem Weg zu meiner Freundin die vielen Margeriten am Straßenrand sah, fiel mir endlich ein, wie ich Frau Boffi eine Freude machen konnte. Ich würde für sie Blumen pflücken. Auf dem Rückweg nahm ich mir viel Zeit dafür. Nur die schönsten Blüten kamen in den Strauß, mit dem ich nach Hause fuhr.
Meine Mutter öffnete mir die Tür und brach in Begeisterung aus wegen der Blumen. „Die sind für Frau Boffi“, sagte ich schnell und stellte sie in einem Wasserglas vor deren Etagentüre.
An diesem Tag redeten wir nicht mehr über die Boffis. Wir räumten Kartons aus. Später im Bett, als ich nicht schlafen konnte, erzählte ich meinem Vater von Herrn Boffi und fragte mich, ob ich lieber einen Vater hätte, der verrückt geworden aber bei mir war, oder einen im Himmel, dem ich alles sagen konnte. Doch auf diese Frage fand ich keine Antwort, weil beides schlimm war. Über Frau Boffi sprach ich mit Gott und stellte mir vor, wie schrecklich das sein musste, einen Mann zu haben, der immer durch einen hindurch sah. Der ununterbrochen, laut oder leise, sagte, dass er Angst hatte. Ob sie es schaffte, immer freundlich zu ihm zu sein, weil er ja nicht dafür konnte? Ich würde es auf keinen Fall schaffen, vielleicht konnten das nur Heilige. Ob Frau Boffi eine Heilige war? Meine Relilehrerin hatte gesagt, dass auch heute Heilige unter uns leben, die wir aber meist nicht erkennen. Ich war froh, dass Gott sie erkannte, Gott auf jeden Fall. Und dass ich ihr die Blumen hingestellt hatte.
Wo die Blumen gewesen waren, stand am nächsten Morgen das gespülte Wasserglas mit einem Bonbon darin. Schokoladenkaramel, eine meiner Lieblingssorten. Ich steckte es ein und stellte das Glas zurück in den Schrank
„Was hat Frau Boffi denn zu dem schönen Strauß gesagt, den du ihr geschenkt hast“, fragte meine Mutter mich im Verlauf des Tages. „Wir haben uns noch nicht getroffen“, sagte ich wahrheitsgemäß, „ aber sie hat das Glas gespült und ich habe es in den Schrank zurück gestellt.“ Von dem Bonbon sagte ich nichts, das war eine Sache zwischen Frau Boffi und mir. Damit hatte sie sich für die Blumen bedankt. Mehr wollte ich nicht. Die Umstände ihres Lebens, die ich erfahren hatte, machten mich ihr gegenüber schüchtern.
Meine Mutter hielt Frau Boffi nicht für eine Heilige, ganz im Gegenteil. Sie hatte viel an ihr auszusetzen. Sie solle dafür sorgen, dass ihr Mann nicht immer wie ein Eisbär hinter der Theke herumlaufe, sagte sie, das sei geschäftsschädigend. Ich verteidigte Frau Boffi. „Sie liebt ihn, da kann sie ihn nicht festbinden“, erwiderte ich. „Sie geht jeden Tag zur Kirche, aber sie nimmt Wuchermieten“, schimpfte meine Mutter. Ich fand, dass sich gerade darin ihre Heiligkeit zeigte, dass sie jeden Morgen in die Sechs-Uhr-Messe ging. Das half ihr, mit dem Leben klar zu kommen, trotz allem freundlich zu sein. Ich kannte mich mit Mietpreisen nicht aus, aber ich nahm sie in Schutz. „Sie brauchen das Geld zum Leben, der Laden ist fast immer leer.“ „Eben, das sag ich doch“, schnaubte meine Mutter.
Der Alltag mit Schule, Geschäft und Haushalt war anstrengend. Ich musste viel helfen, wir gingen vor Arbeit fast unter. Das schlimme Schicksal unserer Vermieter geriet in den Hintergrund. Unser kleines Geschenkritual „Blumen für Bonbons“ fand aber in unregelmäßigen Abständen weiterhin statt. Und wenn Frau Boffi und ich uns begegneten, lächelten wir immer. Ihr Lächeln war das einer Heiligen.
Umso schlimmer, dass sie durch mich zusätzlichen Ärger hatte. Überglücklich, dass ich zum Geburtstag den lang ersehnten Hund bekam, wusste ich nicht ein noch aus, als meine Mutter sagte, wir müssten ihn im Treppenhaus tragen, damit Frau Boffi nichts merke. Im Mietvertrag stand nämlich, dass Haustiere nicht erlaubt waren. Das hätte sie mir doch sagen müssen! Ich sah den süßen Hund an, ein liebes Tier, das kaum mal bellte, und wollte plötzlich keinen Hund mehr, wenn das Frau Boffi ärgerte, was ich wiederum meiner Mutter nicht sagen konnte. Aber Frau Boffi beschwerte sich nicht, als sie unseren Mitbewohner bemerkte. Sie blieb freundlich und verhielt sich, als gäbe es den Absatz über das Verbot von Haustieren nicht im Mietvertrag.
In der Pubertät fand ich alle Erwachsenen dumm und ungerecht, nicht aber Frau Boffi. Sie war über jeden Zweifel erhaben. Ich fand es nur folgerichtig, dass sie viel aus dem Fenster guckte, wenn der Laden geschlossen war, es musste ja schrecklich langweilig sein für sie, denn niemals sah ich Besuch bei den Boffis. „Sie spinst hinter den Gardinen und kriegt alles mit“, schimpfte meine Mutter. Ich sah daraufhin manchmal von draußen zu ihren Fenstern hoch und winkte, wenn ich meinte einen Schatten gesehen zu haben. Besonders, als mich mein erster Freund nach Hause brachte und wir uns zum Abschied küssten. Da warf ich ihr eine Kusshand zu, als ich sie hinter der Gardine entdeckte. Am nächsten Tag schenkte sie mir ein wunderbar verständnisinniges Lächeln.
Es war ihr Abschiedsgeschenk, denn kurz darauf machte meine Mutter den Schreibwarenladen zu und wir zogen in eine andere Stadt. Ich erinnere mich nicht, wie ich mich im Umzugschaos von ihr verabschiedete, aber ihr Lächeln habe ich nie vergessen.
Viele Jahre vergingen, und immer, wenn die Wiesenblumen blühten, fiel mir Frau Boffi ein. In einem Sommer, als meine Kinder im Ferienlager waren und mein Mann zu einer Fortbildung, rief ich die Friedhofsverwaltung der Kleinstadt an, in der die Boffis und wir gewohnt hatten. Sie mussten schon lange tot sein.
Man konnte mir sagen, wo ihr Grab war. Mit einem dicken Strauß Margeriten fuhr ich hin, stellte die Blumen aufs Grab und erzählte ihr, wie wichtig sie für mich gewesen war, eine Heilige, die samstags Stuten backte und ihre Etagentüre öffnete, damit der Duft ins ganze Haus ziehen konnte. Ich hatte dann manchmal andächtig in ihre Diele geschaut, auf das gebohnerte Linoleum, und sie aus der Ferne verehrt.
Kein Wunder, dass ich an Samstagen manchmal Stuten backe.