Josefa Bissels
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Der Tänzer

Illustration zur Kurzgeschichte „Der Tänzer“

Zwischen den Nachrichten im Abendprogramm war auf einmal ein Schwarzer Junge zu sehen. Ungefähr zwölf Jahre alt, mager, nur mit kurzer Hose bekleidet, stand er sehr aufrecht im Schlamm. Er streckte seine Arme aus, seine Hände, ein Bein. Und obwohl er sonst nichts tat, zeigte die Leichtigkeit seiner Bewegungen, dass er tanzte.

Der Kommentator bestätigte diesen Eindruck. Er tanze, wo er gehe und stehe in diesem Flüchtlingslager, sagte er. Inzwischen sei jemand auf ihn aufmerksam geworden, der sich mit Tanz auskenne, und habe ihm eine Ausbildung angeboten. Auf diese Weise könne er das Lager verlassen. Im nächsten Moment war das Gesicht des Jungen in Großaufnahme zu sehen. Mit weit geöffneten Augen blickte er die Zuschauer an. Mich faszinierte vor allem, was er sagte. „Macht Gott das?“, rief er. Damit war die Episode zu

Ende.

Aber ich musste in den folgenden Tagen immer wieder an den Jungen und seine Frage denken. Ich sah seine nackten Füße vor mir und wie sich der Matsch zwischen die Zehen quetschte, während er seine Figuren tanzte.

Wahrscheinlich hatte er jeden Tag gebetet, Gott möge ihn aus dem Lager holen. Als es dann passierte, war er so überwältigt, dass er es kaum glauben konnte. Und natürlich hatte es für ihn mit Gott zu tun.

Er spürte eine neue Fremdheit den anderen gegenüber, mit denen er gespielt und manchmal Wasser oder Essen organisiert hatte. Wieso holte Gott nur ihn aus dem Elend, ihn allein? Weil er tanzte? Tanzte Gott auch? Half er ihm deshalb?

Sein älterer Bruder, mit dem er übers Meer gekommen war, schwieg zu alledem. Als der Jüngere aber immer wieder von Gott redete, wurde er ärgerlich. „Schlag dir Gott aus dem Kopf, du Traumtänzer“, sagte er. „Es gibt ihn nämlich nicht. Guck dir die Welt an, dann weißt du es. Kann sein, dass du Glück hast und Tänzer wirst. Aber das hat mit Gott nichts zu tun. Es gibt keinen Gott

Der Jüngere sah an seinem Bruder vorbei aufs Meer, das zwischen den Hütten, Planen und Zelten in der Sonne flimmerte, und sagte laut: „Doch!“ Er war sich sehr sicher, und er musste seinem Bruder widersprechen. Es hätte sich wie Verrat angefühlt, wenn er es nicht getan hätte. „Es gibt Gott“, sagte er und wusste, dass er seinen tanzenden Gott verteidigen würde.

Ich sehe ihn, wie er da steht und aufs Meer schaut. Wird er seinem Vorsatz treu bleiben? Das meiste spricht dagegen. Er ist so jung. Sein ganzes Leben liegt noch vor ihm. Er wird glücklich und unglücklich sein, aufgeben und neu anfangen, scheitern und gewinnen, lieben und hassen. Und er wird vielen Menschen begegnen, die wie sein Bruder denken. Aber er wird tanzen.

Dem Tanzen verdankt er alles, sogar Marie, die im Studio vor der Spiegelwand steht und sich die Haare hochbindet. Er folgt ihren Bewegungen mit den Augen und versteht wieder nicht, wie das sein kann, dass sie sich gefunden haben in der riesigen Welt, voll von Menschen. Diese kleine wunderbare Person, die zufällig anwesend war, als er nach beendeter Ausbildung in einem Pariser Theater vortanzte. Die alles andere vergaß, bis er zu tanzen aufgehört hatte, und ihn ansprach, als er das Theater verließ.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Hingerissen erlebten sie die nächsten Wochen und Monate. „Das macht Gott“, sagte er und sie nickte. Es war leicht, an Gott zu glauben in dieser Zeit, in der die Farben leuchtender, die Menschen freundlicher und der Sinn des Lebens so offensichtlich war. Sie erzählten einander ihr Leben. Staunend erkannten sie, wie oft alles ganz anders hätte kommen können und sie sich dann nie begegnet wären. Erschrocken hielten sie sich an den Händen. Er sprach von der Zeit im Lager und den Zuständen dort. Von seinen Tanzversuchen und Monsieur Hugo, der ihn nach Frankreich geholt und ausgebildet hatte. Marie faszinierte das Bild des Jungen, der im Dreck seine Sehnsucht nach Schönheit tanzte. „Für mich war es ein Wunder.“

„Aber nicht Gott hat das Wunder getan, sondern M. Hugo“, fand Marie. Sie saßen in einem Park, der nicht weit vom Theater entfernt war. Marie lehnte an einem Baum, er hockte im Schneidersitz neben ihr im Gras und bewunderte ihr Profil. Sie wandte sich ihm zu, weil er schwieg. Ihr fragender Gesichtsausdruck ließ ihn weitersprechen.

„Stimmt“, sagte er, „es sieht aus, als habe es nichts mit Gott zu tun. Da war ein tanzender Junge, dessen Begabung von einem Menschen bemerkt wurde. Der machte sich die Mühe, dem Kind einen Weg zu ebnen. Bemerkenswert, aber erklärbar.“

Er sah, dass Marie nickte und sprach langsam weiter. „Aber für mich war Gott dabei. Er versteckte sich hinter M. Hugo. Ich sah ihn nicht, aber er war an dem Wunder beteiligt. Es konnte nicht anders sein. Und je mehr mein Bruder behauptete, es gäbe keinen Gott, weil der sonst dieses ganze Elend nicht zuließe, desto sicherer war ich, dass er Unrecht hatte. Es musste irgendwie anders sein. Ich war nämlich ein Kind, das mit Gott umging. Ich meine nicht, dass ich Gebete sprach. Das tat ich auch, aber vor allem wusste ich ihn bei mir und rechnete mit ihm, erzählte ihm alles und war sicher, dass er mich liebte.“

Marie sah ihn zärtlich an und suchte in seinem Gesicht nach dem Jungen, der er gewesen war. Sie hätte ihn gerne schon damals gekannt.

Nach einer Weile sprach er weiter. „Heute denke ich, dass es vielleicht ganz einfach ist. Das Wunder geschah durch eine Art Zusammenspiel. Gott war in der kleinen Erschütterung, die M. Hugo traf, als er meine kindlichen Tanzversuche im Schlamm sah. Er wehrte sie nicht ab, sondern ließ sich so bewegen, dass er die Mühe auf sich nahm, mich da rauszuholen und auszubilden.“ „Ein Liebesspiel“, sagte Marie und lächelte ihn an. „du, M. Hugo und Gott.“ „Ja“, sagte er und blieb ernst. „Aber wer ist Gott? Die Religionen lehren viel, das meiste verstehe ich nicht. Für mich ist Gott tanzende Liebe, die in und um uns ist, die Menschen berührt und bewegt, sich mit ihnen verbündet. Dann passiert es. Menschen finden aus dem Dreck, Katastrophen werden verhindert. Es geschieht überall auf der Welt. Jeden Tag werden Morde

vereitelt, Unfälle verhindert, Streit beendet, manchmal sogar Kriege im letzten Augenblick abgeblasen. Glück gehabt, sagen die Leute, Zufall!“

„Es ist nicht beweisbar.“ Marie sah ihn zweifelnd an. „Ob du deinen Bruder davon überzeugen könntest?“

„Habe ich schon versucht. Hoffnungslos. Weil die Welt ja gleichzeitig so schrecklich ist. Jeden Tag wird gemordet, passieren Unfälle, brechen Kriege aus. Die Menschen lieben nicht mit. Ihr Egoismus, ihre Angst machen sie taub für die tanzende Liebe, die leise spricht und niemanden zwingt. Wie kann Gott das zulassen“, sagen sie und hoffen, dass der Allmächtige eingreift. Weil das nicht geschieht, meinen sie, es gäbe keinen Gott.“

„Tanzende Liebe“, wiederholte Marie. „Das finde ich schön. Es hört sich an, als wäre der Tanz heilig. Es gibt ja auch Derwische Menschen, die so lange tanzen, bis was? Glaube hier fehlt ein Satz Davon hatte er noch nicht gehört. Es berührte ihn, als wäre es eine Antwort. Auf welche Frage? Er wusste es nicht. Aber heute würde er tanzen wie noch nie in seinem Leben.