Josefa Bissels
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Nicht tragbar

Illustration zur Kurzgeschichte „Nicht tragbar“

Im Wohnzimmer ist es dämmerig, weil das Licht nur vom Fernseher kommt. Auf CNN laufen die Nachrichten. Erst als Dad rausgeht, legen Peggy und ich die Handys weg und gucken hin.

Auf dem Bildschirm sieht man Trump vor einem Mikrophon stehen und ins Publikum lächeln. Macht euch keine Sorgen, sagt Trump gut gelaunt. Solange ich euer Präsident bin, werden die Waffengesetze nicht geändert. Er redet wie ein Vater, der seine Kinder beruhigt. Winkt in den Zuschauerraum, Daumen nach oben. Jeder weiß, dass er diesen Leuten von der Waffenlobby verpflichtet ist.

Kein Wunder, dass Dad es nicht ausgehalten hat. Schließlich hat er nach dem Amoklauf mit anderen Eltern und Trump zusammen gesessen. Wollte ihm sein Mitleid glauben, seine vagen Versprechungen. Hat gehofft, dass sich was ändert an den Waffengesetzen. Damit Gewehre und Revolver nicht mehr so leicht zu haben sind. Kein Wunder, dass er aus dem Zimmer gegangen ist.

Das macht er manchmal in letzter Zeit. Geht einfach raus, auch ohne sichtbaren Grund. Wenn er zurückkommt, tun wir, als merkten wir nicht, dass er geweint hat.

Ich erschieß Trump, sagt meine kleine Schwester. Ich merke an ihrer Stimme, dass sie es ernst meint. Der Fernseher wirft Licht und Schatten auf ihr Gesicht. Sie starrt auf den Bildschirm, kneift die Augen zusammen. Ihr Mund ist ein Strich. Sie wird erst zehn, aber ich traue es ihr zu.

Für sie ist es am schlimmsten. Mary war ihre Schwester und ihre Mutter, seit Mom vor vier Jahren an Krebs gestorben ist. Ich bin oft neidisch gewesen oder eifersüchtig oder beides, wenn ich sie zusammenhocken sah. Wenn sie kicherten und sich Blicke zuwarfen, Hand in Hand weggingen. In ihrer Mädchenwelt war kein Platz für mich.

Ich erschieß ihn. Sie sagt es leise. Aber auch wild. Wischt sich Tränen ab. Hilfst du mir?

Meine Schwester ist ein kleines Mädchen, das Trost braucht. Was soll ich ihr sagen? Dass man keinen Menschen erschießen darf? Ich rücke näher zu ihr und nehme sie in den Arm.

Dad hat alle kaputt gemacht, sage ich dann. Sie wischt sich Tränen ab, nickt. Das weiß sie. Hat ja neben mir am Fenster gestanden, als Dad mit der Flex die fünf Gewehre und zwei Pistolen zu Schrott gemacht hat. Wir durften nicht dabei sein. Sahen von der Küche aus zu und fanden es richtig. Aber waren auch traurig, weil es keine Schießübungen mehr geben würde.

Waffen und Schießübungen sind tabu, seit Mary erschossen wurde. Aber vorher haben wir sie geliebt. Jeden Samstag sind wir alle mit Dad zum Schießstand gefahren. Darauf haben wir uns jede Woche gefreut. Zwischendurch haben wir manchmal hinten im Garten geübt. Da gibt es Zielscheiben an Birkenstämmen. Aber der Schießstand ist viel besser. An großen Eisengestellen mit Drahtbespannung sind die Mannscheiben angebracht. Man muss sich beeilen, weil man nur zehn Sekunden Zeit zum Schießen hat. Schafft man es nicht so schnell, dann klappt die Scheibe um und man sieht nur die schmale Kante. Ich finde es schon deshalb aufregend. Und natürlich, weil ich gut sein will. Wir sind alle ziemlich gut, auch Peggy. Gewehre sind noch zu unhandlich für sie, aber mit dem Kleinkaliberrevolver ist sie schnell und ziemlich sicher. Manchmal haben wir geübt, aus der Hüfte zu schießen wie die Cowboys in den Western. Da gab es immer viel zu lachen.

Lass uns zu Onkel Bob gehen, sagt Peggy und richtet sich auf, putzt sich die Nase. Der hat einen vollen Waffenschrank und leiht uns, was wir haben wollen. Eine Winchester möchte ich, die bin ich gewohnt.

Ich nicke. Onkel Bob ist großzügig und fragt nicht viel. Er wird uns auch Munition mitgeben. Peggy weiß sich zu helfen. Ich werde mit ihr üben. Dad wird es nicht erfahren. Und mit der Zeit wird alles im Sand verlaufen.

Wir trainieren dreimal die Woche, wenn wir gleichzeitig Schulschluss haben. Ich bin allein zu Onkel Bob gegangen, weil Peggy das besser fand. Sie will keine Fragen beantworten, sagt sie. Jetzt hat sie ihre Winchester und mir hat Onkel Bob eine Glock 19-9 mitgegeben. Die liegt gut in der Hand. Wir wechseln uns ab. Aber es ist anders als früher. Wir sprechen wenig, lachen selten. Peggy verbessert sich von Mal zu Mal. Ihr Gesicht ist ernst. Obwohl wir nicht davon sprechen, ist klar, dass sie ihr Ziel verfolgt. Das gefällt mir nicht.

Immer wieder berichten die Medien von Demonstrationen für strengere Waffengesetze. Schulkinder und Studierende tragen Pappschilder vor sich her. „Für das Leben – Gegen den Tod“, „Wir wollen eine Welt ohne Waffen!“. Ich hoffe immer, dass Peggy nichts davon mitkriegt. Manchmal verwickle ich sie in überflüssige Gespräche, wenn ich weiß, dass Dad im Wohnzimmer sitzt und sich das alles anguckt. Aber davon, dass sie Trump erschießen will, sprechen wir nicht mehr. Einmal hab ich so nebenbei gesagt, dass man keinen Menschen töten darf. Sie stand mit dem Rücken zu mir und ich sah, wie sie mit den Schultern zuckte. Das ist ihr natürlich klar. Aber es wird sie nicht davon abhalten.

Fuck, ich weiß nicht, was ich machen soll. Was meine Schwester vorhat, liegt wie ein Albtraum auf mir. Ich beobachte sie manchmal und kann es nicht glauben. Ihr Gesicht mit Stubsnase und Sommersprossen wirkt fröhlich und ein bisschen naiv. Aber ich weiß auch, dass man sie nicht so leicht davon abbringen kann, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat.

Nächste Woche bin ich auf Klassenfahrt. Die Everglades mit Krokodilen, Alligatoren und so. Ich freu mich drauf. Am Samstag kommen wir zurück. Das ist der Tag, an dem Trump Marys Schule besuchen wird. Angeblich soll er ein Geschenk dabei haben. Geld wahrscheinlich. Davon hat er ja genug. Aber das ist mir ziemlich egal. Ich mach mir Sorgen wegen Peggy. Frag mich, was sie vorhat. Und ob ich mit ihr reden soll. Ob ich Dad was sagen muss. Der würde sich aufregen und am Ende würde sie ihm doch entwischen. Obendrein wäre es ein Verrat. Oder soll ich einfach Revolver und Munition verstecken? Besser, ich klebe auf die Winchester einen Zettel: Tu’s nicht, Peggy, oder so.

Die Gedanken an Peggy bin ich auch in den Everglades nicht losgeworden. Obwohl es spannend war. Es gibt da Stellen, an denen es von Alligatoren wimmelt. Unser Guide war klasse. Er ist weite Strecken sehr schnell mit dem Boot gefahren, aber dann haben wir irgendwo im Schilf gelegen und er hat uns leise erzählt, warum wir warten. So haben wir Flamingos aus der Nähe gesehen. Sie kommen in Amerika nur in den Everglades vor. Er hat uns auch Angst machen wollen. Irgendwie war es manchmal tatsächlich etwas gruselig. Man kann nicht sehen, was hinter dem Schilf hockt. Es ist fast überall sehr flach. Und es gibt einen Puma da, den Everglades-Puma. Als wir das wussten, wollten wir ihn unbedingt sehen. Geht am Tag aber nicht. Also haben wir so lange gebettelt, bis wir eine Nachtfahrt machen durften. Ganz leise, ohne Licht. Haben lange still im Schilf gelegen. Komische Geräusche waren da, immer das Glucksen von Wasser, aber auch Schreie von Tieren. Unheimlich. Und Robin hat behauptet, er hätte Fauchen gehört. Das wäre der Puma gewesen. Wir anderen haben es ihm nicht geglaubt. Aber es war die beste Klassenfahrt bisher.

Jetzt im Bus überfällt mich wieder die Sorge um Peggy. Ich weiß gar nicht, ob Trump am Vormittag oder später kommt. Sicher ist, dass ich vor drei nicht zu Hause sein kann. Und sicher ist auch, dass es eine Demo geben wird. Wahrscheinlich hält Emma wieder eine Rede. Ich bewundere sie für ihre Leidenschaft. Das könnte ich nicht.

Ich fürchte, es ist sicher, dass Peggy hinfährt. Mit dem Fahrrad schafft sie die sieben Kilometer zu Marys Schule leicht. Mary war die intelligenteste von uns Dreien und hatte vor zu studieren. Peggy und ich sind nicht so gut und besuchen eine Schule ganz in der Nähe. Ich bin in einem Jahr fertig, weiß aber noch nicht, was ich dann machen werde. Guide in den Everglades wäre nicht schlecht.

Im Haus treffe ich auf Dad, der eilig mit einer Cola aus der Küche kommt. Er klopft mir auf die Schulter. Ich soll mir auch was zu essen oder zu trinken holen. Auf dem Weg zum Wohnzimmer ruft er mir zu, dass was passiert ist. Jemand hat auf Trump geschossen. Mir wird flau im Magen. Wo ist Peggy, frage ich. Bei einer Freundin, ruft er. Ich will nicht essen oder trinken, ich will wissen, was los ist. Setze mich neben ihn. Auf dem Fernseher sieht man Menschen hin und her rennen. Sirenen sind zu hören, mehrere Krankenwagen stehen rum. Und Polizisten sind überall. Ich halte nach Peggy Ausschau, sehe sie nirgends.

Ist er tot, frage ich.

Die sagen nichts, er ist einfach umgefallen. Vor ein paar Minuten erst.

Haben sie den Täter schon?

Die sagen ja nichts, wiederholt er. Der Kommentator redet irgendetwas, das man selber sehen kann.

Unglaublich, einfach unglaublich, murmelt Dad vor sich hin. Da traut sich einer was!

Ich sehe ihn von der Seite an. Er sitzt leicht vornüber gebeugt wie bei einem spannenden Tennismatch. Als wäre er begeistert. Das musste ja so kommen, sagt er, als hätte er schon lange darauf gewartet.

Wenn er so darüber denkt, ist das auf jeden Fall gut für Peggy.

Ich frag mich, wo sie ist, was sie macht, wie es ihr geht. Ich muss sie suchen. Also stehe ich auf und will Dad gerade sagen, dass ich noch mal mit dem Mofa losfahre, da kommt die Nachricht, dass Trump lebt. Sein linkes Ohr ist weggeschossen worden. Er liegt im Krankenhaus. Das ist eine gute Nachricht.

Wenn Peggy es geschafft hat, unbemerkt zu ihrem Fahrrad zu kommen, wird sie die Straße durch den Wald nehmen. Ich fahre ihr entgegen. Endlich, nachdem ich jedes Mal gespannt um die nächste Biegung gefahren bin, sehe ich ein Mädchen auf dem Fahrrad mir entgegenkommen. Gott sei Dank, das ist sie! Als sie mich erkennt, springt sie vom Rad und lässt es ins Gras fallen. Läuft auf mich zu und sieht mich nicht an. Setzt sich einfach auf den Rücksitz. Legt die Arme um mich, den Kopf an meinen Rücken. Ich wende und wir fahren los.

Sicher bin ich nicht, aber ich glaube, sie weint. Wir müssen unbedingt reden. Bevor wir zu Hause ankommen. Ich fahre in einen Seitenweg und halte an. Wir setzen uns nebeneinander auf einen Baumstamm. Sie lehnt sich an mich, schnieft.

Warum weinst du?

Ich weiß nicht. Wir schweigen.

Wahrscheinlich war das alles zu viel für sie. Sie hat es ganz alleine durchgezogen. Aber ich hätte ihr auch nicht geholfen, Trump zu töten. Wahrscheinlich hätten wir uns verkracht. Ich bin nur froh, dass er nicht tot ist.

Was war am schlimmsten?

Ich weiß nicht. Alles.

Ich lege den Arm um sie und mir fällt auf, dass sie ihr bestes Kleid an hat. Weiß mit Rüschen.

Warum hast du dich so schön gemacht?

Damit keiner auf die Idee kommt, dass ich es war. Zuerst hatte ich noch die weiße Kappe auf. Die hab ich vorher abgenommen und den Revolver reingesteckt.

Wo hattest du den denn?

Sie hält mir das Pappschild hin, das noch vor ihrer Brust hängt. „Gib mir meine Schwester wieder!“, steht in großen Buchstaben darauf. Es ist doppelt, an drei Seiten zugetackert. Ich nehme es ihr ab, greife hinein. Der Revolver steckt in der dünnen weißen Kappe. Ein schwarzes Loch zeigt, dass sie durch die Kappe gefeuert hat. Ich erschrecke, weil ich erkenne, wie überlegt sie vorgegangen ist. Ohne ein Wort stecke ich Plakat, Revolver und Kappe in die Seitentasche meines Mofas. Frage mich plötzlich, ob wir verdächtig wirken, wenn man uns hier sieht.

Wie auch immer, ich will den Revolver loswerden, hole ihn wieder aus der Mofatasche und verstecke ihn in einem Loch hinter dem Baumstamm. Besser, wir haben das Ding nicht bei uns, wenn wir weiterfahren.

Was machen wir mit der durchschossenen Kappe, frage ich.

Sie überlegt einen Moment. Da klebe ich was Schönes drauf, antwortet sie dann.

Hast du mitbekommen, was mit Trump ist?

Er ist umgefallen. Dann sind alle durcheinander gerannt und ich bin losgefahren. Keiner hat mich beachtet.

Du hast ihm ein Ohr abgeschossen. Er ist nicht tot.

Das kommt, weil er den Kopf gedreht hat, als ich geschossen habe.

Finde ich gar nicht so schlecht, sage ich grinsend.

Sie nickt.

Wir müssen es Dad sagen.

Daran hat sie, wie es scheint, nicht gedacht und erschrickt.

Nicht sofort, bittet sie, greift nach meiner Hand.

Ich komm ja mit, wenn du es ihm sagst, beruhige ich sie.

Wenn Dad es gut findet, dass jemand auf Trump schießt, wird es nicht so schlimm für Peggy werden.

Zu Hause lassen wir von nun an keine Nachrichtensendung aus, weil wir wissen wollen, wie es mit Trump weitergeht. Aber die Medien sind sparsam mit Nachrichten über ihn. Sein Zustand bessere sich, kann man hören. Zu sehen ist er allerdings nicht. Zwei Wochen nach dem Attentat wird von Komplikationen durch den Schuss gesprochen. Noch eine Woche später hört man, dass ein Nerv getroffen wurde, der sein Gesicht verunstaltet. Er ist beim Sprechen behindert. Ob er sabbert? Das medizinische Personal erwartet unkontrollierbare Zuckungen.

Als Präsident ist er nicht mehr tragbar.