Im Wadi
Ich hätte nie gedacht, dass es so ausgehen würde, dass die Reise ihr Ziel verfehlen könnte, unglaublich, wobei es Kurt allerdings entgegenkommt, der hat von Anfang an den Kopf geschüttelt, ich weiß ja, was er denkt, aber schließlich kann nicht jeder ein Intellektueller sein wie er, ich zum Beispiel bin gefühlsbetont, das findet er übrigens gut, sagt er immer mal wieder, nicht, als ob ich nicht denken könnte, schließlich habe ich Abitur, wobei das nicht unbedingt ein Beweis für Denkvermögen sein muss, aber ich nehme die Welt anders wahr als er, setze, was ich erlebe, in Zusammenhänge, suche und finde dabei hin und wieder ein Stückchen Sinn, Kurt nimmt alles auseinander, ein Analytiker wie er im Buche steht, spaltest du wieder Atome, sage ich dann manchmal, wenn er so zergrübelt über seinen Büchern sitzt, sich rumschlägt mit Fragen nach Gott und der Welt, was natürlich als Relilehrer irgendwie dazugehört, aber ich finde, er übertreibt, wenn er auf einer Spur ist, scheint die Konsequenzen nicht zu fürchten, die Enttäuschungen, die nicht ausbleiben, und wie das mit Enttäuschungen ist, weiß man ja, eigentlich müsste man sich freuen, halleluja, schon wieder eine Täuschung weniger, aber wohin dann mit dem Schmerz, jedenfalls war es schwer für Kurt, als die Bombe platzte, als ihm aufging, dass er nicht mehr glaubte, was die Kirche lehrt, die Kirche, in deren Auftrag er schließlich unterrichtete und die für ihn doch auch eine Art Heimat war, wenn auch nicht so wie für mich, ich sehe noch sein Gesicht vor mir, kein einziger Satz stimmt mehr, sagte er und sah mich an, ungläubig, todtraurig, wie mir schien, ging das Glaubensbekenntnis durch, schüttelte immer wieder den Kopf, allmächtiger Vater - eingeborener Sohn - heilige Kirche - und ich wusste nichts zu sagen, sah ihm beim Kopfschütteln zu, hielt ihm nur stand, es war so ein Augenblick, in dem mir die Liebe wie ein Kloß im Hals steckt, das habe ich hin und wieder, dann wandte er sich ab, damals habe ich schon kommen sehen, dass er aus der Kirche austreten würde, musste, er kann nicht auf halbem Weg stehen bleiben, aber vorher hat er versucht, sich mit dem Pastor auseinanderzusetzen, kam aber von den Gesprächen gefrustet und zornig zurück, auch zu dem neuen Pastor ist er gegangen, aber mit ihm ist er noch weniger klargekommen, weil der überhaupt nur lieb sein kann, wie Kurt sagte, der daraufhin die Theologengespräche aufgab, seine Gebühr beim Amtsgericht bezahlte und jetzt nur noch Deutsch und Geschichte unterrichtet, ein Glück, dass er drei Fächer hat, seitdem sieht er mich sonntags manchmal an, als müsste er sich entschuldigen, weil er weiß, dass es mir weh tut, alleine hinzugehen, es hat uns verbunden all die Jahre, ich brauche auch heute die Gebete, die Lieder und Gesänge, die Stille und den Glanz, mir tut die Kirche gut, aber ich muss ihm ja zugestehen, dass das für ihn anders ist, und überraschenderweise verbindet uns das ebenfalls, nicht in der Art wie die Messe früher, aber doch auch, ich spüre es deutlich, es muss die Freiheit sein, die wir uns lassen, die verbindet uns, auch wenn sich das vielleicht komisch anhört, jedenfalls machte es Kurt keine Probleme, dass ich mit der Gemeinde nach Israel fahren wollte, jetzt, wo die Kinder auswärts studieren, lässt sich das leicht machen, ich koche einiges im Voraus, alles andere besorgen Tiefkühltruhe und Mikrowelle, Wallfahrt hat der Pastor die zweiwöchige Reise genannt, die bestens vorbereitet wurde, darin ist er wirklich hervorragend, ich finde ihn auch sonst gut, besonders seine Predigten, ein bisschen liegt es an seiner Stimme, die weich ist und doch weit trägt, ich höre ihm gerne zu, andere auch, er wird von vielen Frauen angehimmelt, von den jüngeren vor allem, schließlich sieht er gut aus, aber ist ja auch egal, ich bin nicht verliebt in ihn, höchstens ganz minimal, es sollte keine Bildungsreise werden, sondern eine Fahrt auf den Spuren des Alten und Neuen Testaments, besonders auf den Spuren Jesu, die den Glauben festigen sollte, und der Pastor versprach sich davon, dass einige der Teilnehmenden nach der Wallfahrt intensiver am Gemeindeleben teilnehmen würden, vielleicht sogar bereit wären mitzuarbeiten, ich zog für mich die Kinderkatechese in Betracht, aber es ist anders gekommen, jetzt brauche ich erst mal Distanz, dabei war es eine wunderbare Reise, zuerst, so schön hatte ich es mir nicht vorgestellt, wenn ich an die Wüste Juda denke, da lagen die Hügel wirklich wie Lämmer vor einem, wie hüpfende Lämmer, ganz wie der Psalm es beschreibt, was ich mir nie hatte vorstellen können, oder die Messe in den Ruinen der Nabatäerstadt, und Jerusalem mit seinen weißen Gräberfeldern, zum Weinen schön, und Jesus begegnete einem überall, Gott war fraglos da, wir haben immer wieder Bibelstellen vorgelesen und Gottesdienste gefeiert, die ganze Zeit war ich den Tränen nah, so ging mir alles zu Herzen, wahrscheinlich konnte es nur darum überhaupt passieren, weil ich die Normalität hinter mir gelassen hatte, in einem Ausnahmezustand lebte, Kurt hat es natürlich sofort gemerkt, als wir miteinander telefonierten, in welchem Land bist du denn, fragte er, worauf ich ziemlich deppert geantwortet habe, er wisse doch, wo ich sei, aber das hatte er ja gar nicht gemeint, sprach was von inneren Ländern, ausgewandert, fragte er, muss ich mir Sorgen machen, und wollte dann wissen, ob man uns auch die Mauer um Gaza zeigt, und wie sich das vereinbaren lässt mit den Sitzreihen der Knesseth, die in Form eines siebenarmigen Leuchters angebracht sind, oder ob ich meine, das sei gerade die Konsequenz daraus, ich wollte aber eigentlich nichts von Politik wissen, war nicht bereit, die wunderbare Vergangenheit zu verlassen und mich dem Heute zuzuwenden, was Kurt natürlich merkte, aber er ließ nicht locker, sprach mit unterdrücktem Zorn, Erwählung, sagte er, dabei fragen die Erstklässler schon, ob Gott denn die Ägypter nicht geliebt habe, die alle ertranken, während er die Israeliten durchs Rote Meer führte, das versteht heute zum Glück kein Mensch mehr, nur die Israelis scheinen immer noch zu meinen, ein Recht auf eine zweite Landnahme zu haben, lächerlich, er redete sich in Rage, Erwählung ist Quatsch, sagte er, wenn es Gott gibt, dann breitet er seine Liebe über alle aus, so kann Kurt manchmal auch sprechen, mir wurde ganz andächtig zumute, und ich dachte an ein anderes Bibelwort, wo vom Regen die Rede ist, den Gott auf alle gießt, er regnet seine Liebe auf Gute und Böse, dachte ich und merkte, dass ich nicht mehr mitbekam, was Kurt über die Erwählung sagte, also entschuldigte ich mich, bin abgeschweift, woraufhin Kurt sich ebenfalls entschuldigte, mit ihm seien die Pferde durchgegangen, genieß es, sagte er, und ich schickte ihm einen Kuss nach Deutschland, so weit weg, tauchte wieder ein in diese verrückte Reise, diese absonderliche Situation in dem Kloster im Wadi, das wie ein Schwalbennest an den Berg geklebt war, die kleinen Mönche mit den langen Bärten, die vielen kleinen Räume, durch die wir gingen, gehen durften, es kam mir vor wie ein Privileg, das Innere des Klosters zu betreten, alles war ungewöhnlich, malerisch, märchenhaft, ein bisschen wie bei Schneewittchen, in jeder Ecke konnte ein Engel auf mich warten, auf jeden Fall ein Geheimnis, darum war es nur folgerichtig, dass ich dem winkenden Finger folgte, ich weiß nicht mehr, wieso ich plötzlich alleine hoch oben auf einem Vorsprung der obersten Klosterebene stand und hoch sah, wobei sich herausstellte, dass es nach oben doch noch weiter ging, unfasslich, ganz oben war offenbar noch eine Höhle, in der Kerzen zu flackern schienen, genau konnte ich es nicht sehen, aber das Tollste war, dass am Eingang der Höhle ein kleiner Mönch stand und mich zu sich winkte, er hatte mich erwählt, nun begann mein Märchen mit meinem Zwergmönch, Mönchzwerg, dem ich natürlich folgte, was hätte ich sonst tun sollen, eine andere Möglichkeit gab es ja gar nicht, zumindest nicht mehr für mich, denn wenn er mich zu sich winkte, dann konnte er erwarten, dass ich gehorchte, schließlich hatte er mich auserwählt, nur mich, die ich ganz alleine auf dem kleinen Podest stand und dann zu ihm hochstieg auf den schmalen und steilen Stufen, die mich an den Eingang seiner Höhle brachten, vor der er mich erwartete, neben dem Sandbecken, in dem dünne Kerzen brannten, vor dem geheimnisvollen Halbdunkel, das sich hinter ihm verlor, und weil alles so folgerichtig war, konnte ich ihn nur umarmen, es war das einzig angemessene Verhalten, meinen kleinen Mönch, der einfach nur still vor mir stand, er ging mir höchstens bis zur Schulter, ich musste mich zu ihm herabbeugen, erwartete vielleicht einen Segen, zumindest ein Kreuz auf meiner Stirn, stattdessen packte mich sein rechter Arm um die Hüfte und quetschte mich an sich, dieser so zart wirkende Heilige hatte mehr Kraft als ich für möglich gehalten hätte, und er war auch kein Heiliger, sondern ein geiler Mann, dessen hartes Glied ich an meinem Oberschenkel spürte, das war das letzte, was ich erwartet hatte, einfach unglaublich, und was mich heute noch wundert ist, dass ich mich nicht sofort zu befreien suchte, mich nicht in einem Abwehrimpuls losriss und ihm eine knallte, sondern nur absolut überrascht dachte, was für ein armer Mensch das sein muss, da oben in seinem Spinnennetz, wo er heimlich seinen Trieb füttert, während Schuldgefühle in ihm wachsen, ich glaube, das war nicht das erste Mal, dafür war er viel zu routiniert, aber das schlechte Gewissen merkte man ihm deutlich an, wahrscheinlich hatte er als junger Mann Enthaltsamkeit gelobt, das gehört dazu, wenn man ins Kloster will, vielleicht voller Begeisterung für Gott, das gibt es ja, man kann sich in Gott regelrecht verlieben, man kann Liebeslieder singen und Gott dabei meinen, Operettentexte, in dir hab’ ich mein Glück gefunden ... und so, aber wie soll man das durchhalten, ein Leben lang, das kennt man ja von anderen Verliebtheiten, wie schwer es ist, daraus eine Liebe wachsen zu lassen, die sich nicht gleich entmutigen lässt von der Mühsal des Alltags, und dabei ist den Mönchen die Sexualität keine Hilfe wie das in Liebesbeziehungen sonst sein kann, sondern sie ist sozusagen ein Feind, muss sublimiert werden, ins Geistige verwandelt, das stelle ich mir schwer vor in Zeiten der Dürre, so nennt man das, glaube ich, wenn das Gottesglück abnimmt und die Zweifel kommen, denn der Trieb ist ja da und meldet sich weiterhin, was ich in meinem märchenhaften Ausnahmezustand total ausgeblendet hatte, wie konnte ich ihn einfach umarmen, vielleicht habe ich mich mitschuldig gefühlt, als er mich plötzlich überrumpelte, vielleicht war das Ganze ein Missverständnis, möglicherweise hat er gedacht, ich wäre einverstanden, weil ich auf sein Winken reagiert hatte und zu ihm gekommen war, jedenfalls müssen solche Gefühle und Gedanken in mir gewesen sein, denn ich ließ zu, dass er mich fest an sich gepresst von Bild zu Bild zog und dabei wie gehetzt in unverständlichen Worten auf mich einredete, wahrscheinlich Erklärungen zu den Bildern gab, er tat mir leid, ich hatte keine Angst, seine Erregung ließ mich kalt, vielleicht würde der eine oder andere von Missbrauch sprechen, aber das ist Blödsinn, sollte er doch eine Frau im Arm haben, ich gönnte mich ihm, auf diesen armen Mönch traf nicht zu, was immer gesagt wird, dass Mönche und Priester gerade durch ihre Enthaltsamkeit frei für Gott und die Menschen werden, ihn hatte der Trieb im Griff, und machte ihn unfrei, Erbarmen, dachte ich, Erbarmen mit diesem kleinen Mann, schließlich ist der Arterhaltungstrieb nach dem Selbsterhaltungstrieb der stärkste im Menschen, Enthaltsamkeit ist unnatürlich, dachte ich und erinnerte mich plötzlich an eine Geschichte, die ich als Kind erlebt hatte, die muss ich Kurt mal erzählen, wie der Pastor vor all den Kindern stand, die am Sonntag zur „Christenlehre“ gekommen waren und immer wieder fragte, ob es natürlich sei, dass Maria vom Heiligen Geist ein Kind bekommen sollte, und wie ich nicht ertrug, dass er immer trauriger wurde, weil niemand sich meldete, keiner die Antwort wusste, und ich darum einfach aufzeigen musste, damit er wieder froh werden konnte, allerdings wurde er stattdessen noch trauriger, denn die Antwort, die ich ihm anbot und laut und deutlich aussprach hieß „unnatürlich“ und war natürlich falsch, es musste „übernatürlich“ heißen, weil die Gnade Gottes es möglich machte, einfach alles möglich macht, was ja auch irgendwie stimmt, bloß ist sie nicht an Fromme gebunden, finde ich, sondern über die ganze Welt verteilt, eine Beigabe der Liebe ist die Gnade und darum allgemein zugänglich den Liebenden, Begeisterten, Leidenschaftlichen, vielleicht sind darunter besonders viele Mönche und Priester, kann gut sein, aber was würde zum Beispiel eine Frau machen, die gerade ein Kind bekommen hat, ohne Gnade, die den Dauerstress der Schlaflosigkeit, des Babygeschreis und der sonst noch damit verbundenen Überforderungen in Glück verwandelt, ohne Gnade überlebten Menschen erst gar nicht, würden nicht groß, aber es ist schwer, die Liebe zu erhalten, die Begeisterung, die Leidenschaft, Künstler*innen ist es gelungen, Michelangelo mit seinem Marmor, Wissenschaftler*innen wie Madame Curie, deren Leidenschaft das Radium war, Musiker*innen, Dichter*innen, bestimmt auch einigen Mönchen und Priestern, von denen ja auch heute noch welche heilig gesprochen werden, vielleicht nicht immer die richtigen, aber daran merkt man auf jeden Fall, dass ein solches Gnadenleben nicht selbstverständlich ist, sondern die Ausnahme, wahrscheinlich bei niemandem ohne Brüche und Löcher vonstatten geht, das steht nur in den Heiligenlegenden und Heldensagen, aber der Normalmensch in seinem täglichen Einerlei …, mein kleiner Mönch lebte im Gnadenloch, vielleicht war ihm schon alles egal, hatte er längst aufgegeben, half ihm nichts mehr, auch nicht die Sublimierung, wie viel Leid steckte hinter seiner Gier, gnadenlos hielt seine Rechte meine Hüfte umklammert, während vor den Bildern die Kerzen flackerten und sein Singsang nicht abbrach, sich bei jedem Bild neu sammelte, kurz anhob und dann wieder in das gehetzte Stakkato zurückfiel, absolut absurd war die Situation, ich bin gespannt, was Kurt dazu sagen wird, wenn ich es ihm erzähle, ob er meine Reaktion verstehen kann, ein bisschen zumindest, mir fällt es allerdings schwer zu verstehen, dass die Gottesbegeisterung schon früh in der Kirchengeschichte zum Rückzug aus der Welt geführt hat, das war, glaube ich, der Beginn des Mönchtums, manche Ausgewanderte sind sogar so weit gegangen, auf einer Säule zu leben, die Säulenheiligen, zu denen die normalen Menschen dann hingingen und ihnen ihre Sorgen zu Füßen legten, das ist mir alles zu hoch, ich glaube nicht an Rückzug, sondern dass die Liebe zwischen den Menschen die Gottesliebe fördern kann, ich gehe sogar so weit zu sagen, dass der Liebesakt zur Gotteserfahrung werden kann, je nachdem, aber man hat die Sexualität ja sehr lange für schmutzig, anstößig und obszön gehalten, vor allem die Kirche, da hat die sexuelle Befreiung trotz aller negativen Auswüchse doch was Positives gebracht, das sieht Kurt bestimmt genauso, von Kurt weiß ich auch, dass der Zölibat der Weltpriester erst im Mittelalter eingeführt worden ist, und zwar aus einem Grund, der mich ziemlich entrüstet hat, nämlich, damit die Priester ihren Besitz nicht an ihre Kinder, sondern an die Kirche vererbten, da fragt man sich doch, ob die Kirche nicht dem Mammon dient, quält ihre Angestellten und bekommt deren Geld dafür, Entschuldigung, das ist etwas salopp ausgedrückt, mag ja sein, dass es Priester gibt, die sich nicht nach einer Frau sehnen, die keine Kinder haben wollen, für die wäre es ja in Ordnung, aber die anderen, und ich glaube, dass es die meisten sind, müssten von dem Druck befreit werden, sie führen ja sonst täglich einen unnützen Kampf, wie viel Kraft das kostet, die Energie sollten sie besser in die Arbeit am Reich Gottes stecken, und wie viel Schuldgefühle dadurch entstehen, mein Gott, aber natürlich übersehe ich das nicht alles, kenne mich nicht wirklich aus, mag sein, dass es Sonderberufungen gibt, auf jeden Fall gibt es für all die unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Lebensentwürfe, warum nicht auch den des Mönchs, manche kommen ja wohl klar mit der Enthaltsamkeit, allerdings nicht mein trauriger Heiliger im Wadi, der mich auf einmal ganz plötzlich losließ, als wir vor einem der letzten Bilder angekommen waren, denn nun erschienen langsam andere Teilnehmer unserer Gruppe und betraten die Höhle, womit er offenbar die ganze Zeit gerechnet, mit einem Ohr darauf gelauscht hatte, man muss sich die Situation mal vorstellen, und dass er mich so abrupt losließ, offenbarte ganz deutlich, dass er wusste, was er tat, zeigte, dass er Angst hatte, entdeckt zu werden, was ich ihm nachempfinden konnte, andererseits stellte sich mir die Frage, ob fromme Besucher, die durch Zufall Zeuge einer so eindeutig zweideutigen Situation würden, dem kleinen Heiligen ein solches Verhalten überhaupt zutrauen und nicht stattdessen der beteiligten Frau die Schuld geben würden, schließlich hat Eva Adam verführt, das weiß man ja, aber das bedachte er wohl nicht, konnte es nicht bedenken, weil seine Schuldgefühle so groß waren, ich hasse Schuldgefühle und fragte
mich, ob es für ihn nicht besser wäre, das Kloster zu verlassen, statt dieses verlogene Leben zu führen, das man vielleicht sogar missglückt nennen muss, aber ich kenne ja nur diesen kleinen Ausschnitt daraus, sonst weiß ich nichts von ihm, nicht wie er lacht, welches Essen er besonders oder gar nicht mag, ob er manchmal vor sich hin summt oder auf dem Bauch schläft, nichts weiß ich von ihm, auch nicht, ob er außerhalb des Klosters zurecht kommen würde, wahrscheinlich hat er dort seine Heimat gefunden, nach so vielen Jahren, sein Bart war inzwischen jedenfalls grau geworden, das hatte ich bemerkt, als er vor mir stand, neben den flackernden Kerzen.