Gottesraub
„Dann kann ich dich nicht lossprechen von deinen Sünden“, sagt der Priester durch das Gitter, „gelobt sei Jesus Christus.“
„In Ewigkeit Amen“, antwortet Katharina und steht von der Kniebank des Beichtstuhls auf. Steifbeinig geht sie an der Reihe von Kindern entlang, die noch auf ihre Beichte warten. Weiter hinten, neben der Freundin, verrichtet sie kniend zum Schein ein Gebet.
Damit ist das Ritual erfüllt. Jede Beichte schließt mit dem Bußgebet in der Bank.
Dass ihre Beichte gar keine gewesen ist, kann sie sogar Irmgard nicht verraten.
Der Priester war diesmal aufmerksam geworden. Statt der Sündenvergebung hatte sich die seit Wochen befürchtete Katastrophe eingestellt. Und das, obwohl sie die Unglückszahl dreizehn überschlagen hatte.
„Was hast du gesagt?“
„Vierzehn Gottesraube.“
„Weißt du denn, was ein Gottesraub ist?“
„Ja.“
„Was denn?“
„Ein Gottesraub ist, wenn man im Zustand der Todsünde die Heilige Kommunion empfängt.“
Sie hatte in der Schule aufgepasst und sie war fast ununterbrochen im Zustand der Todsünde, das wusste sie genau. Auch wenn sie sich noch so viel Mühe gab, die unkeuschen Gedanken zu vertreiben, es gelang ihr nicht. Nicht mal von der Beichte am Samstag bis zur Messe am Sonntagmorgen. Dabei nahm sie extra die geschnitzte Muttergottes mit dem nackten Jesuskind von der Wand. Und den Kerzenständerengel aus Porzellan drehte sie um, weil ihr Blick sonst von seinem winzigen Penis magisch angezogen wurde. Es nutzte nichts. Zur Kommunion war sie aber trotzdem jedes Mal gegangen.
„Wie alt bist du denn?“
„Neun Jahre.“
„Wenn du erst neun bist, dann kannst du doch noch gar nicht so oft zur Kommunion gegangen sein.“
„Doch.“
Das war gelogen wegen der überschlagenen Dreizehn, und obendrein hatte sie großzügig gezählt, damit sie nur ja keinen Gottesraub unterschlug.
Mit angehaltenem Atem war ihr klar geworden, dass sie die Absolution nicht bekommen würde, wenn er nach den Regeln vorging. Sie wusste, dass ein normaler Priester in einer normalen Beichte für einen Gottesraub die Vergebung nicht aussprechen durfte. Wer da zuständig war, wusste sie nicht, vielleicht der Bischof oder sogar der Papst. Also hatte sie seit Wochen bei jeder samstäglichen Beichte die Stelle mit den Gottesrauben so undeutlich genuschelt wie möglich, damit der Geistliche nicht verstand, was sie sagte. Und jedes Mal hatte sie auch prompt die Lossprechung bekommen und war frei gewesen, bis alles wieder von neuem losgegangen war. Die nicht vergebbaren Gottesraube hatte sie einfach von Beichte zu Beichte addiert.
„War denn deine erste Heilige Kommunion auch ein Gottesraub?“
Sie war nicht sicher, aber es konnte sein. Am Tag der Kommunionkinderbeichte war es ihr in den Stunden bis zum Zubettgehen gelungen, immer nur geradeaus zu leben. Kein Schielen auf die Hose des Jungen, der ihr auf dem Fahrrad entgegenkam. Zu Hause hatte sie vorgesorgt. Die Hinterbacken des Kerzenständerengels und die kahle Wand signalisierten Erleichterung. Nach dem Abendbrot hatte die Mutter sie abgeseift und in der Wanne stehend war plötzlich die Angst vor der Todsünde wieder da, machte sie still und verschlossen. Erst nach einem langen Gespräch mit Gott war sie einigermaßen beruhigt eingeschlafen.
Am nächsten Morgen hatte sie schlaftrunken den Wecker abgestellt und ein Bonbon in den Mund gesteckt, das daneben lag. Langsam breitete sich mit dem Erwachen die Bedeutung des Tages vor ihr aus und plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie ein Bonbon lutschte. Entsetzt spuckte sie das glitschige Ding aus dem Mund und spürte gleichzeitig, wie der süße Speichel ihr die Kehle hinunterlief. Jesus sollte mit einem leeren Magen empfangen werden! Was jetzt? Sie beleidigte ihn gleich beim ersten Mal. Aufrecht im Bett sitzend, hatte sie den Hausgiebel angestarrt, den sie von dort aus sehen konnte. Vor der Messe noch beichten! Wie sollte sie das anstellen? Was sollte sie zu Hause sagen? Und würde der Priester dazu bereit sein? Es ging nicht.
Sie musste es Gott erklären. Er würde es verstehen.
Sie war dann sehr still gewesen beim Anziehen und auf dem Weg zur Kirche, konzentriert auf das Gespräch in ihrem Innern. Den Einzug in die Kirche nahm sie nur verschwommen wahr. Aber als der Priester ihr die Hostie in den Mund legte, war alles gut und Gott ganz nah. Beim Dankgebet in der Bank stand sie im Wald und sah Glühwürmchen tanzen, spielte mit Katzenjungen.
Übrig geblieben war eine Wärme, die sie tagelang begleitete. Mit der Zeit war dann alles wieder normal geworden und auch die Angst vor Todsünden und Gottesrauben zurückgekehrt.
Vor dem Gitter des Beichtstuhls konnte sie den Grad ihrer Unwürdigkeit nicht definieren, nahm aber vorsichtshalber das Schlimmste an.
„Ja, auch meine erste Heilige Kommunion.“
Der Geistliche war verstummt. Keine Fragen mehr. Nicht mal ein Bußgebet hatte sie aufbekommen, als er ihr die Vergebung verweigerte.
Schweigsam geht sie neben ihrer Freundin nach Hause.
Nicht mal ein Bußgebet, geht es ihr im Kopf herum. Vergebung - Buße, keine Vergebung - keine Buße. Eine einfache Rechnung, aber ziemlich dumm, denn die großen Sündenden müssten doch besonders viel Buße tun. Sie jedenfalls wäre dazu bereit.
Eigentlich kann es nicht sein, dass Gott ihr nicht verzeiht, wo sie doch dauernd mit ihm spricht und irgendwie fühlt, dass er sie versteht. Die Frage ist nur, ob er sich an das hält, was die Priester entscheiden.
Am Abend sitzt sie blass und an den Zöpfen kauend am Tisch und hat keinen Hunger. Die Mutter ist besorgt, legt ihre Hand auf Katharinas Stirn und stellt Fragen. Es dauert lange, bis Katharina beschämt und stockend von der verpatzten Beichte und all den schrecklichen Dingen erzählt, die damit zusammenhängen.
Mit dem Mut der Verzweiflung folgt sie am nächsten Samstag dem Rat der Mutter. In einem anderen Beichtstuhl, vor einem anderen Priester, breitet sie alle Stationen ihrer Verstrickung aus, sogar die Lüge wegen der Unglückszahl Dreizehn. Die Antwort wird sie ihr Leben lang nicht vergessen: „Was auch immer war, Gott vergibt dir alle deine Sünden.“
Sie kann sich danach nicht in die Bank knien, muss sofort losrennen, rennt den ganzen Weg, das Bußgebet in glücklicher Wiederholung auf den Lippen.
Hellgelb und blau
Er tritt blinzelnd aus dem Zimmer seines Vorgesetzten und schließt die Türe geräuschlos hinter sich. Aufrecht geht er den gebohnerten Flur entlang, an den Nummern und Namensschildern der Türen vorbei. Neben der 215 liest er seinen Namen und lächelt schief. Er wird nicht mehr hineingehen. Wie immer hat er seinen Schreibtisch aufgeräumt. Bei seinen häufigen Außenterminen wird es eine Weile dauern, bis man ihn vermisst. Oder besser, bis man merkt, dass er nicht mehr zur Arbeit kommt. Vermissen wird ihn keiner.
Erst im Auto spürt er den Kloß im Hals und das Zittern in den Beinen. Eine Katastrophe, sein Vorruhestand! Was soll er mit all der freien Zeit anfangen? Seit seine Mutter gestorben ist, hat er seine Ferien nur tageweise genommen. Vorher hat er sie bei ihr im Seniorenheim verbracht. Da haben sie Rommee gespielt, sind am Nachmittag ins Café gegangen, am Abend manchmal in ein Konzert. Je älter sie wurde, desto mehr erzählte sie. Vor allem von ihrer Kindheit hinterm Deich. Vom Familienleben mit Mann und Söhnen sprach sie nicht und er legte auch keinen Wert darauf. Schließlich war er dabei.
Blamabel, dass man so einfach auf seine Dienste verzichten kann. Aber das passt. Sein Leben war eine Abfolge von Blamagen, von Anfang an. Ein Schreikind, das plötzlich den Anzug voll spuckt. Weniger als mittelmäßig in der Schule und häufig krank. Im Sport eine Niete. Er war ein Mängelexemplar, während sein jüngerer Bruder mit seiner Gesundheit und seinem Charme die Hoffnungen des Vaters erfüllte. Aber erst nach dem Desaster beim Tennisturnier hatte er es aufgegeben, um dessen Anerkennung zu werben.
Dabei war am Anfang alles gut gegangen, den ersten Satz hatte er gewonnen. Tennis war die einzige Sportart, die ihm lag. Zwar feuerten die Zuschauer seinen Gegner an, aber beim Blick auf seinen Vater sah er, dass dieser entspannt lächelte. Dann jedoch verpatzte er die Rückhand und schlug sich so hart auf den Nasenrücken, dass der Schmerz ihn fast umwarf. Augenblicklich wurde er von Tränen überschwemmt, die nicht zu stoppen waren. Gleichzeitig tropfte Blut aus seiner Nase. Man gab ihm ein Handtuch. Das Spiel musste abgebrochen werden. Sein Vater fuhr mit ihm zum Krankenhaus. Vielleicht war das Nasenbein gebrochen. Aber nicht mal das! In seiner Verzweiflung hatte er sich geschworen, nie mehr zu weinen, sein ganzes Leben nicht. Da war er vierzehn. Dass man ihn seitdem nur noch „die Rückhand“ nannte, berührte ihn kaum.
Jetzt ist er 60 und hat sich daran gehalten. Seine Augen sind an ein tränenloses Leben gewöhnt.
Er lässt den Motor an und fährt seinen gewohnten Weg in die Vorstadt. Beim Bäcker holt er wie jeden Tag ein Baguette, das er zu Hause essen wird. Seit dreißig Jahren bewohnt er ein möbliertes Zimmer im Erdgeschoss eines Reihenhauses. Drei mal vier Meter mit Dusche und einem Fach im Kühlschrank von Frau Fink. Dahin kann er keine Kollegen einladen. Er wird bei der Vorstellung schon rot. Seine Kollegen haben Familie und Haus im Grünen. Damit keiner auf die Idee kommt, ihn zu besuchen, hat er sich auch nicht einladen lassen und erfolgreich Kontakte jeder Art vermieden. Er geht nicht in die Kantine, sondern besorgt sich auf der Fahrt zur Arbeit zwei Käsebrötchen, die er mit einem Becher Automatenkaffee am Schreibtisch isst, ungestört von möglicherweise gut gemeintem Gequatsche. Er hat sich seine Kollegen erzogen.
Das Zimmer bei Frau Fink war als Übergangslösung gedacht, als er seine Probezeit im Limnologischen Institut antrat. Aber er ist geblieben. Frau Fink war damals Ende fünfzig und hatte gerade ihren Mann verloren. Es half ihr, dass sie nicht alleine in dem großen Haus wohnen musste. Ihm tat es gut, zu etwas nütze zu sein, die Blumen zu gießen, sich um die Mülltonnen zu kümmern, wenn Frau Fink verreiste. Sie war nett, bügelte ihm manchmal in schlaflosen Nächten die Hemden, tröstete ihn, als er seine Verlobung löste, weil Irmgard in den Augen seiner Eltern nicht standesgemäß war. Ihr Vater hatte einen Lebensmittelladen und obendrein war sie evangelisch. Irmgard war die einzige Frau, zu der er eine vorsichtig verliebte Beziehung gehabt hatte, die erwidert worden war. Manchmal denkt er an sie, möchte wissen, wie es ihr geht. Aber sie wohnt schon lange nicht mehr in der Stadt.
Als er nach Hause kommt, sitzt Frau Fink klein und blass in der Diele. Sie winkt ihn zu sich und sagt, es tue ihr leid, aber er müsse so bald wie möglich ausziehen. Weil sie es nicht mehr bis in den ersten Stock schaffe und deshalb sein Zimmer brauche. Zitterig und den Tränen nahe sieht sie ihn an. „Und oben gibt es ja nur den einen, großen Raum, vollgepackt, das haben Sie ja mal gesehen.“ Sie wischt sich mit dem Taschentuch über die Augen. Er sagt irgendetwas Beruhigendes und hilft ihr, sich im Wohnzimmer auf das Sofa zu legen.
Seltsamerweise ist der Kloß im Hals verschwunden und die Knie zittern ihm nicht mehr, als er kurz darauf in seinem Zimmer steht. Sein Elend ist so vollkommen, dass eine Art Leichtigkeit ihn erfüllt. Endlich wird er Schluss machen. Die Ereignisse des Tages haben ihm die Erlaubnis gegeben. Er hat das Leben überwunden. Es reicht für den Tod.
Aber nicht hier. Er wird in Frau Finks Ferienhaus fahren, das sie ihm schon oft angeboten hat. Vielleicht liegen die Balken im Dachboden frei. Allerdings hätte sie dann den Ärger mit seiner Leiche. Er muss unauffindbar sein, wird im Tod niemandem zur Last fallen. Ins Wasser wird er gehen, davon gibt es an der Nordsee ja genug. Er lächelt vor sich hin, will alle Vorkehrungen treffen, damit wenigstens sein Tod keine Blamage ist.
Noch am selben Abend räumt er den Inhalt von Schrank und Regalen in Kartons, nimmt die Bilder von den Wänden, bringt alles in Frau Finks Keller. Um den Druck von Buffèt tut es ihm leid. Der traurige Clown hat ihn seit seiner Studentenzeit begleitet, kam ihm manchmal wie sein Spiegelbild vor. Zuletzt packt er eine Reisetasche für die paar Tage an der Nordsee.
Am nächsten Morgen geistert Frau Fink schon früh im Haus herum. Als er ihr das leer geräumte Zimmer zeigt, ist sie wieder den Tränen nah, aber dankbar. Natürlich gibt sie ihm freudig den Schlüssel für ihr Ferienhaus, dazu die Straßenkarte, auf der die Route eingetragen ist. Die Frage, wieso er von heute auf morgen ans Meer fahren kann, kommt ihr nicht. Die Tochter wird kommen, Frau Fink erwartet sie am Vormittag. Das befreit ihn von einem vagen Verantwortungsgefühl. Sie umarmen sich. Ein endgültiger Abschied, denkt er blinzelnd, als er mit seiner Tasche ins Auto steigt.
In gut zwei Stunden hat er die Küste erreicht und hält vor einem Holzhaus mit blauen Fenstern und Sanddornbüschen neben der Tür. Innen riecht es nach Staub. Er lüftet und ist überrascht, dass er vom Küchenfenster aus die Brandung hören kann. Als grauen Streifen hinter den Dünen sieht er das Meer. Unwirklich kommt ihm das alles vor. Hinter dem Haus liegt eine Wüste, Sandhügel reiht sich an Sandhügel.
Der Hunger treibt ihn hinaus. Er sieht ein einzelnes Haus mit Fahne und geht darauf zu. Es ist tatsächlich ein Bistro, wo er Suppe und Brötchen isst, anschließend einen Kaffee trinkt. Der Kellner lächelt ihn an. Keiner kennt mich hier, denkt er. Ich bin nicht der Sohn vom verstorbenen Professor, auch nicht der Bruder des angesehenen Anwalts. Er lächelt zurück.
Sein Bruder fährt mit Frau und Kindern jedes Jahr in den Süden. Italien, Spanien, Frankreich. Was er wohl täte, wenn er von seinen Plänen wüsste?
Später sitzt er am Fuß einer Düne und sieht aufs Meer, das sich offensichtlich zurückzieht, denn der Sand davor ist meterweit nass. Er muss sich um die Gezeiten kümmern. Wann ist es besser, bei Ebbe oder bei Flut? Und Steine muss er sammeln, aber weit und breit gibt es nur Muscheln und Tang.
Er geht auf dem nassen Sand am Wasser entlang, umgeben vom Getöse aus Wind, Brandung und Möwengeschrei. Probeweise ruft er ein lautes „Hallo!“ in den Lärm, aber der Wind weht es ihm vom Mund. Mutig geworden, schreit er: „Alles Lumpen und Verbrecher!“ und ist überrascht von seinen eigenen Worten. „Scheiße!“, schreit er lauter, immer wieder, mit kreisenden Armen. Bis er sich auf einer angeschwemmten Kiste ausruht und wieder zu Atem kommt.
Auf dem Rückweg entdeckt er Schottersteine neben einem Radweg und steckt sich schon mal welche in die Taschen. Schwer, denkt er. Aber wird das reichen? Und werden die Steine nicht aus den Taschen gespült? Er muss die gefüllten Taschen zunähen, also nach Nähzeug suchen. Und nach einem Buch über Ebbe und Flut.
Zurück im Haus, weiß er nicht, ob seine Müdigkeit größer ist oder sein Hunger. Weil er nicht noch mal zum Bistro will, durchsucht er die Schränke und findet ein Paket Zwieback und Marmelade. Dazu brüht er sich Pfefferminztee auf. Es gibt einen großen Vorrat an Tee in der untersten Schrankschublade. Der Wasserkessel pfeift wie früher, wenn er bei seinen Großeltern war. Auf der Fensterbank steht ein Radio, das er anmacht und sich zum Tisch holt. Er dreht so lange daran herum, bis klassische Musik zu hören ist. Er liebt Bach, Tschaikowsky und Wagner. Das Stück, das gerade gespielt wird, hört sich nach Mozart an.
Traumlos schläft er in einem unbezogenen Bett im Zimmerchen oben. Wird vom Klappern an der Außenwand wach. Ein Fensterladen scheint lose zu sein. Vielleicht hat der Wind sich gedreht. Von hier aus sieht er einen größeren Streifen Meer, sogar ein Schiff am Horizont. Die Wolken ziehen schnell, lassen hin und wieder die Sonne durch.
Bei geöffnetem Küchenfenster isst er die Reste vom Vorabend, trinkt Tee dazu. Stellt das Radio zurück auf die Fensterbank. Jede Menge Möwen gibt es hier. Die kleineren haben schwarze Köpfe, die großen einen gelben Raubtierschnabel. Er weiß nicht, wie sie heißen, kennt sich nur mit Sumpf, Torf und Moosen aus. Sie stehen in der Luft und ihr Gesang schreit zum Himmel.
Nadel und Garn findet er nicht, wohl ein Buch über Gezeitenströme. Als er darin blättert, wird ihm klar, dass er von der Mole springen muss. Nicht langsam hineingehen. In der Nacht von der Mole am kleinen Leuchtturm springen. Das ist schon weit draußen. Und dann kann er, weil er Nichtschwimmer ist, nicht mehr zurück. Obendrein hat er mal gelesen, dass der Kälteschock den Körper schnell außer Gefecht setzt.
Er pumpt das Fahrrad auf und fährt mit einer Stofftasche ins Dorf. Für Nähzeug und noch mehr Steine.
Die Tasche ist voll, als er zurückfährt. Er hat auch Brot, Butter und Käse gekauft. Dazu Lakritz, das er seit seiner Kindheit nicht mehr gelutscht hat. Und ein Bestimmungsbuch für Pflanzen und Tiere hat er sich besorgt. Damit er weiß, was das für Möwen sind. Und was auf den hinteren Dünen Blaues wächst.
Er räumt die Tasche aus, steckt sich ein Lakritz in den Mund. Macht das Radio an. Es überfällt ihn das Violinkonzert von Bruch, das er oft mit seiner Mutter gehört hat. Am Fenster stehend, die Augen starr auf dem schmalen Streifen Meer, hört er zu.
Später geht er mit dem Bestimmungsbuch in der Hand in die Wüstenlandschaft hinter dem Haus. Findet außer vereinzelten Grasstängeln zuerst nichts. Bis er vor einer Düne steht, die von oben bis unten mit kleinen Blüten bedeckt ist. Er kann es nicht glauben. Nur Sand ringsum und aus dem Sand wachsen diese Wunderblumen. Hellgelb in der Mitte, nach oben hin blau. So schön und so lebendig. Da bricht er in Tränen aus.