Josefa Bissels
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Koffer packen

Illustration zur Kurzgeschichte „Koffer packen“

Britta: Dies ist kein Spiel, ich könnte auch nicht aufzählen, was ich eingepackt habe, Koffer und Tasche sind voll mit dem, was in der Eile gerade zur Hand war, und es fällt mir ein, was ich vor kurzem im Fernsehen aufgeschnappt habe, dass nämlich in jeder längeren Ehe, was immer das heißen mag, fünfunddreißig Jahre zählen ja sicher dazu, die Frau mindestens einmal die Koffer packt, da hab ich noch den Kopf geschüttelt, Quatsch, hab ich gedacht, nach so vielen Jahren kann man doch darüber reden, es betraf mich nicht, und doch befinde ich mich jetzt mit Koffer und Tasche auf der Flucht, was ja bedeutet, dass ich eine ganz normale Frau in einer längeren Ehe bin, wenn das ein Trost sein soll, wenn ich überhaupt Trost brauche, Freiheit brauche ich, so jedenfalls nicht, nicht mit mir!

Da ist die Werft schon, liegt in mittäglicher Stille, und ich hoffe, dass der Dornröschenschlaf anhält bis ich losgefahren bin, weil ich mit niemandem reden will in meiner augenblicklichen Verfassung, also beeile ich mich, aber ein paar Minuten brauche ich schon, vor allem, weil unser Boot an einem Steg etwas abseits liegt, zu dem man unter Zweigen einer immer schiefer wachsenden Trauerweide durch muss, was ich auch liebe, alles, was mit Wasser und Boot zusammenhängt, liebe ich, und während ich verwundert feststelle, dass diese verwunschene Wasserwelt den ausgeuferten Zorn in mir leise einzudämmen beginnt, fahre ich schon an der Reihe festgemachter Boote entlang, und es hält mich nicht auf, dass da jetzt jemand winkt, ich glaube, die Frau vom „Zugvogel“, die finde ich nett, so dass ich ehrlich zurückwinken kann, der Bann ist gebrochen, ich bin entkommen.

Auf dem Weg zur Fahrrinne überfällt mich augenblicklich dieses leise, zitternde Glück, das sich bei mir immer einstellt, wenn ich auf dem Wasser bin, obwohl mich die plötzlich auftauchende Erinnerung an unseren Streit und meinen Weggang brutal zurückholt in diese andere Realität, die ja nun leider auch zu meinem jetzigen Leben gehört, meine Seele zweiteilt sozusagen, und ich wünsche mir, dass auch umgekehrt die Schwerelosigkeit eines Reiherflugs mich aus dem bittersten gedanklichen Zoff entführt, in den ich mich verbeißen werde, wie ich mir vorstelle, aber das werde ich ja noch sehen.

Es ist egal, in welche Richtung ich fahre, denn diese Nacht werde ich in irgendeiner Bucht ankern, da kann ich dann mit mir und meinen Gedanken allein sein oder höchstens Entenbesuch haben, denn mit diesen lächelnden Tieren habe ich eine Art Freundschaft geschlossen, jedenfalls von mir aus gesehen, wie die jeweilige Ente unser Verhältnis empfindet, weiß ich ja nicht, auf jeden Fall wird gefüttert, wer zu mir hochkommt, und während sie mir das Brot mit ihren mausezahnbestückten Schnäbeln aus der Hand nehmen, quatschen wir ein bisschen miteinander, was bei Möwen anders ist, die hab ich nicht so gern bei mir, weil sie weniger zahm sind, obendrein fliegen sie aufs Dach und kacken von oben her alles voll.

Ich hab schon eine Idee, wo ich für längere Zeit festmachen könnte, dafür muss ich unbedingt Tom anrufen, der kennt den Besitzer der Anlage gut, aber vielleicht ruft Tom morgen von sich aus an, weil er wahrscheinlich sofort sieht, dass das Boot weg ist und sich darüber wundert.

Wen er wohl zuerst anruft, Heiner oder mich, und wenn Heiner, was der ihm sagen wird? Mama hat die Koffer gepackt, ist abgehauen, aber das ist nicht sein Stil, viel eher würde es zu ihm passen, dass er nichts dergleichen sagt, nur ins Telefon nickt, das hab ich öfter gesehen, dass er ins Telefon nickt, was ja ziemlich dumm ist, weil der Gesprächspartner nichts davon mitkriegt, darum ziehe ich ihn manchmal damit auf, frage, haste genickt, und er grinst ein bisschen, weil er weiß, dass man ihm die Worte aus der Nase ziehen muss.

Wie es ihm jetzt wohl geht, diesem Heini, der er ist, wenn es ihm schlecht geht, ist es selbst verschuldet, so lass ich nicht mit mir umgehen, so nicht!

Aber wenn ich mit Tom spreche, werde ich ihm natürlich auch nicht alles erzählen, das finde ich nicht gut, weil man die Kinder damit irgendwie zu Schiedsrichtern macht, was die sicher nicht wollen, es reicht ja zu sagen, dass wir uns gestritten haben und ich Abstand brauche, stimmt ja auch, ich will ihn nicht sehen, er soll mich in Frieden lassen!

Ein Glück, dass es das Boot gibt, wirklich, weil ich sonst so schnell nicht gewusst hätte wohin, denn ich bin nicht der Typ Mensch, der sich einfach einlädt bei einer Freundin, bei Ellen zum Beispiel, die sich wahrscheinlich sogar gefreut hätte, aber so viel Nähe fällt mir schwer, vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht gern bitte, dazu hat mir neulich Beate einiges verständlicher gemacht, unsere Psychologinnentochter, sie sagt nämlich, dass jeder Mensch sich unbewusst entscheidet entweder groß oder klein zu sein, woraus sich mit der Zeit dann Verhaltensmuster bilden, was mir neu war, denn ich dachte immer, es gäbe eine Sorte Menschen, die etwas hilflos ist und andere zum Leben braucht, und eine andere, die alleine klarkommt, nach Beate aber sind die Menschen grundsätzlich gleich, versuchen nur auf unterschiedliche Weise ihr Überleben zu sichern, wenden einfach verschiedene Strategien an dabei, ich gehöre zum Rudel der Großen und bin damit von Größenwahn und Helfersyndrom bedroht, wenn ich, wie meine christliche Erziehung mir beigebracht hat, für die Angehörigen des Rudels der Hilflosen da sein soll, die übrigens, wenn man es auf die Spitze treibt, folgerichtig von totaler Abhängigkeit bedroht sind, was für ein Schlamassel, denn auch, wenn ich mal voraussetze, inzwischen die Zusammenhänge verstanden zu haben, kann ich ja nicht einfach mein Leben ändern, dazu gehört mehr, auf jeden Fall viel Zeit.

Da fällt mir ein, dass ich natürlich zu Tom gekonnt hätte, allerdings würde ich mich meinem Sohn nicht länger als zwei, drei Tage zumuten, dagegen könnte ich mir das Boot tatsächlich als eine Art Dauerlösung vorstellen, warum auch nicht, ganz Amsterdam ist voll von Hausbooten und auch hier in der Gegend weiß ich ein paar Stellen, wo Menschen dauerhaft auf Booten leben, hinzu kommt, dass dieses vorzüglich geeignet ist, mit Ofen für kalte Abende oder den Winter, was ja wichtig ist, weil ich nicht weiß, wie lange ich hier bleibe.

Vielleicht denkt der eine oder die andere, das sei der Anfang vom Ende, eine Aussteigerexistenz sozusagen, aber das war für mich schon immer ein eher anziehendes Thema, ich habe mir früher oft vorgestellt, was ich machen würde, wenn ich keinen festen Wohnsitz hätte, Wohnungslos wäre, es gab eine Zeit, ich glaube, das war, als ich außer den Kindern auch die Mütter von Heiner und mir versorgen musste, da malte ich mir aus, dass ich in Gartenhäuschen übernachten und mir morgens aus den Tüten vor den Haustüren Brötchen oder mal eine Flasche Milch organisieren würde, nur für das Duschen im Winter hatte ich noch keine Lösung gefunden, und als dann weder Brötchen noch Milch mehr herumgebracht wurden, habe ich das auch in Bezug auf diese verlorenen Möglichkeiten bedauert, wobei mir natürlich klar war, dass ich Unsinn dachte, aber noch heute ziehen mich die kleinen Steinhäuschen an, die nahe an inzwischen unbenutzten Gleisen stehen und also nicht mehr gebraucht werden, manche liegen malerisch in einsamen Gegenden und ich denke mir aus, wie ich mich darin einrichten würde.

Schön jetzt, mit dem Dunst auf dem Wasser und der milchigen Sonne, sogar überraschend mild für den Herbst, der aber auch gerade erst angefangen hat, die Schwalben sind seit zwei Wochen fort und haben den Sommer mitgenommen wie jedes Jahr, so Ende August, Anfang September, ich versuche immer auf dem Boot zu sein, wenn sie sich zum Abflug sammeln und früh morgens in großer Zahl Taue und Reling besetzen, ein hinreißendes Schauspiel für mich, die ich unbeweglich hinter der Scheibe stehe und kaum glauben kann, dass sie mich nicht sehen, obwohl sie nur eine Handbreit von mir entfernt nebeneinander sitzen, gähnen, manchmal noch ein bisschen schlafen, wieder auffliegen und in neuen Formationen zurückkommen, jedes Mal fehlen dann ein paar, die ganze Zeit sehe ich ihnen zu, könnte die Federn zählen, die um den Schnabel herum rötlich sind, auf dem Rücken dunkel, am Bauch fast weiß, ich wünsche ihnen Glück auf ihrer langen Reise und gerate dabei in eine melancholische Stimmung, denn ich fühle mich mit ihnen verwandt, weiß auch nicht, was die Zukunft bringt, muss Gefahren bestehen und sehne mich nach dem Sommer.

Heiner fasziniert das Schauspiel auch, wenn er dabei ist, aber er ist selten auf dem Boot, weil er einen unglaublich empfindlichen Magen hat, den ein bisschen Schaukeln schon aus der Ruhe bringt, jetzt wird nicht nur sein Magen in Unruhe sein, damit hat er nicht gerechnet, dass ich einfach weggehe, er braucht mich, aber dann hätte er eben mit mir reden müssen, nicht einfach Fakten setzen, damit treibt er mich fort, das hätte er sich denken können, ich lasse mich nicht festbinden, als wäre die Ehe ein Gefängnis, lieber werde ich Aussteigerin.

Es ist ganz einfach zu ankern, zwar soll man auf die Windrichtung achten, aber wenn keiner weht, wie jetzt, wo die Wasseroberfläche spiegelglatt ist, schmeißt man den Anker ins Wasser und gibt ein paar Meter Leine zu, bevor man sie festmacht, das ist schon alles, denn hier in der Bucht ist von Strömung keine Rede.

Mit Jacke kann man noch draußen sitzen, wenn die Mücken es zulassen, was heute der Fall zu sein scheint, also sitze ich auf dem Sessel neben der Leiter zum Dach und lasse die Weite auf mich wirken, das mache ich immer, wenn ich auf dem Boot bin, in warmen Sommernächten schlafe ich sogar oben, obwohl mich der Tau stört, aber ich finde es wunderschön, vom Schlafplatz aus in den Himmel zu gucken, an dem man immer mehr Sterne entdeckt, je länger man hinaufsieht, runterfallen kann ich nicht, weil um das Dach herum eine Reling läuft, die wie das ganze Boot aus Holz ist und weiß gestrichen wie Tür und Fenster, sonst ist alles ochsenblutrot, den Häusern in Schweden nachempfunden, eigentlich ist es auch ein Haus, mein Traumhaus, Geschenk von Tommi zum Umzug, sogar Beate war beteiligt, sie hat angestrichen und das bedeutet ja wohl, dass die Kinder sich wirklich gefreut haben müssen über unseren Ortswechsel, mit dem wir hinter ihnen her gezogen sind, sozusagen.

Wenn ich so sitze und aufs Wasser sehe, kann ich gut nachdenken, und das muss ich ja auch, es wird meine Hauptbeschäftigung sein, sitzen und denken, ich muss zu verstehen suchen, was uns gerade passiert, einen Ausweg finden, es kann doch nicht so enden mit diesem Heini und mir.

Beim Denken kommen Erinnerungen, die auf einmal da sind wie ungebetene Gäste, und die ich nicht verscheuche, denn sie gehören ja zu mir, vielleicht helfen sie in diesem Prozess, auf jeden Fall geht mein Unterbewusstsein eigene Wege und gräbt Bilder aus, vor denen ich manchmal erschrecke wie vor dem Sarg unter dem Arm des Priesters.

Es ist mir schleierhaft, wie der Mann es fertiggebracht hat, den Sarg unter dem Arm zu tragen, wobei man ja eigentlich davon ausgehen könnte, dass Priester nicht so unsensibel sind, ein drei Tage altes Baby wie einen aufgerollten Teppich zu tragen, während die Eltern hinterhergehen, das finde ich absolut unangemessen, ehrfurchtslos, und ich erinnere mich, wie ich während des ganzen Wegs zum Grab immerzu auf das weiße Stück Sarg unter dem schwarzen Ärmel sehen musste, immerzu, heutzutage male ich mir manchmal aus, wie ich mich vor den Priester stelle, ihm den Sarg abnehme, ihn ansehe und warte, bis er versteht, um ihm dann unseren Sohn in die ausgestreckten Arme zu legen, damit er angemessen beerdigt werden kann, aber die Fantasien von heute gehen am damaligen Geschehen vorbei, in dem ich wie gelähmt war, Heiner auch, das hat er mir später gesagt und es verbindet natürlich, wenn man die eigenen Gefühle beim anderen wiederfindet, aber eine Garantie ist es nicht, später sind Heiner und ich, nicht bloß wegen der fehlenden priesterlichen Sensibilität, aus der Kirche ausgetreten, das fällt mir jetzt ein, weil ich keine Profi-Beerdigung will, vor allem nicht unterm Arm, aber da besteht bei Särgen in Normalgröße ja keine Gefahr.

Wir haben viel gemeinsam, Heiner und ich, in den wesentlichen Dingen sind wir uns einig, auch mit dem Umzug vor zehn Jahren, dabei ist nicht klar, wer den Gedanken zuerst ausgesprochen hat, er lag plötzlich auf dem Tisch und lachte uns an, woraufhin wir uns angesehen und zurückgelacht haben, genickt, das machen wir, als wäre es selbstverständlich, so weit weg zu ziehen in unserem Alter, Heiner hatte gerade die Rente durch, aber wir waren total begeistert und Begeisterung soll ja Dünger fürs Gehirn sein, hab ich letztens irgendwo gelesen, wahrscheinlich in einer der Psychologie-Zeitschriften, die Beate liegen lässt nach jedem Besuch, und dass man von den Kindern lernen soll, stand da auch, weil die Alten normalerweise zu angepasst sind, zu etabliert, was ja sein kann, aber darüber haben wir damals nicht nachgedacht, wenn wir was richtig gemacht haben, dann unbewusst, es war vor allen Dingen aufregend, gemeinsam neu anzufangen und es hat uns selbstverständlich verbunden, darum bin ich ja auch so irritiert, dass nicht mal so gravierende positive Ereignisse eine Art Garantie für die Zukunft sind.

Garantie gibt es auf Elektrogeräte, ich weiß, nicht im Leben, geschweige denn in der Liebe, aber offenbar sehne ich mich doch nach einer Art Sicherheit, oder bin vielleicht sogar fälschlicherweise davon ausgegangen und jetzt ist alles fraglich, denn so kann ich nicht leben, ich muss Raum haben für meine Art, wie ich Heiner ja auch seine Art zu leben zugestehe, bilde ich mir jedenfalls ein, allerdings, wenn Heiner sagt, er brauche mich in seiner Nähe, jetzt, wo er älter wird, dann kollidieren unsere Vorstellungen, denn ich möchte auch mal ganz woanders sein, möchte Freunde besuchen oder einladen, nicht nur für einen Nachmittag oder Abend, möchte verreisen, darauf habe ich mich schon lange gefreut, dass diese Möglichkeiten mit meiner Pensionierung auf mich zukommen.

Stattdessen haben wir jetzt den Kladderadatsch, allerdings nur, weil Heiner sich, oder besser seine Wünsche, so in den Mittelpunkt gestellt hat, dass ich es eigentlich immer noch nicht glauben kann, aber natürlich werde ich es mir nicht gefallen lassen, soll er doch sehen, was er davon hat, wobei mich diese Krise absolut unvorbereitet trifft, was wahrscheinlich daher kommt, dass wir in der Vergangenheit keine solchen Probleme hatten, überhaupt nicht, es ist erst seit meiner Pensionierung im Sommer schwierig geworden, denn als wir beide berufstätig waren, hat Heiner in den Sommerferien seinen Jahresurlaub genommen, als Lehrerin hatte ich ja automatisch mit den Kindern frei, und wir haben viel Spaß gehabt, den Resturlaub im Sommer haben die Kinder und ich jedes Jahr auf dem Wasser verbracht, auf der Zuidersee meist, wo wir auch alle drei den Sportbootführerschein gemacht haben, was Heiner ganz toll fand, womit ja offensichtlich ist, dass er uns den Zusatzurlaub gegönnt hat.

Für Heiner hat sich der Umzug von Köln nach Potsdam wahrscheinlich wie ein gleitender Übergang aus seiner Berufsarbeit angefühlt, er ist als Architekt ja mit Häusern und deren Renovierung bestens vertraut, und ich glaube, dass sich daraus irgendwie auch sein Hobby entwickelt hat, er restauriert Möbel, seit wir im Osten wohnen, und er tut es mit Leidenschaft, was ich verstehen kann, denn es fasziniert mich auch, dass aus unansehnlichen Kommoden oder Schränken, Sekretären und anderem alten Zeug so richtig schöne Vorzeigestücke werden können, und darum habe ich ihm auch von Anfang an immer wieder geholfen, was bis zum Sommer natürlich nur an den Nachmittagen oder Wochenenden möglich war, hab hier mit angefasst, da was festgehalten oder auch beraten, wenn er mein Urteil hören wollte, das hat ihm gefallen und gefällt ihm natürlich immer noch, dass er so in Ruhe vor sich hin arbeiten kann und ich sofort zur Stelle bin, wenn er mich braucht, wahrscheinlich stellt er sich so unseren Lebensabend vor, nicht, dass ich ihm nicht weiterhin hier und da bei seinen Möbeln helfen will, aber das reicht mir absolut nicht, stattdessen macht es mich wütend, weil ich glaube, dass Männer immer noch selbstverständlich davon ausgehen, dass die Frau zu ihrer Hilfe vorhanden ist, wie es ja auch schon in der Bibel steht, das führt nämlich unweigerlich zur Witwenverbrennung wie ich es nenne, versteht natürlich keiner, aber für mich ist es der erste Schritt dazu, weil es bedeutet, dass die Frau sich grundsätzlich nach dem Mann richtet, also, wenn der Mann nicht verreisen will, bleibt die Frau auch zu Hause, wenn er keine Konzerte besucht, in keine Museen geht, tut die Frau das auch nicht, vielleicht beklagt sie sich mal, aber wenn er keinen Sauerbraten mag, kocht sie auch für sich keinen, gibt ja andere Gerichte, und wenn er sterben muss, lohnt sich auch für sie das Leben nicht mehr, zum Glück trifft das auf die jungen Leute nicht zu und auch in unserer Generation haben sich viele Frauen freigekämpft, aber mich bringt es immer in Rage, wenn die anderen da auch noch mitmachen und sagen, dass ihnen ohne ihren Mann nichts Spaß macht, das ist für mich der Weg, der zur Witwenverbrennung führt, geradewegs auf den Scheiterhaufen.

Heiner lacht nur, wenn ich davon rede, nimmt nicht ernst, was ich sage, Witwenverbrennung klingt ja auch total überzogen, aber ich glaube, er versteht gar nicht, was ich meine, und daran sieht man, dass wir auch ganz verschieden sind, die Welt unterschiedlich wahrnehmen, was ja eigentlich nicht anders sein kann, schließlich sind wir zwei Menschen, aber es ist trotzdem nicht so einfach, wenn es konkret wird, weil es eben nicht verbindet, sondern die Einsamkeit deutlich macht, in der jeder Mensch lebt und die ausgehalten werden muss, finde ich jedenfalls.

Da hat sich gerade ein Kormoran auf den abgestorbenen Baum am Ufer gesetzt, sie suchen sich immer die kahlen Äste aus und erinnern mich dann an Geier in Westernfilmen, zwar sind sie viel kleiner, aber doch sehr eindrucksvoll, wie dieser, der mit zur Seite gewendetem Kopf und zum Trocknen ausgebreiteten Flügeln ziemlich weit oben sitzt vor dem leicht rötlichen Himmel, während auf dem Wasser inzwischen Nebel aufsteigt, was sehr unwirklich aussieht und fast ein bisschen gruselig, manchmal sind solche Bäume von mehreren Kormoranen besetzt, ich glaube, Kormorane sind gesellige Vögel, obwohl dieser sehr einsam wirkt.

Ich würde Heiner gern anrufen, ich vermisse ihn und irgendwo steckt in mir das eigenartige Gefühl, als hätte ich eine Mitschuld an diesem Desaster, aber anrufen werde ich ihn auf keinen Fall, obwohl ich wissen möchte, wie es ihm geht, er ist nicht gern allein, aber er tut auch nichts dagegen, könnte ja mal was mit dem Nachbarn unternehmen, der auch gerade in Rente ist, ihm seine Möbel zeigen, einen Aufgesetzten mit ihm trinken, aber nein, er bleibt alleine, wenn er mich nicht haben kann, es wäre schon viel gewonnen, wenn er das ändern könnte, ich hasse es nämlich, seine einzige Bezugsperson zu sein, gut, er telefoniert mit seinem Freund in Köln, aber zu mehr rafft er sich nicht auf, ein alter Eigenbrötler, und da fällt mir ein Bild von Munch ein, sein Selbstbildnis im Alter, ich glaube, es ist betitelt mit Alter Mann zwischen Bett und Uhr, von dem Heiner sagt, dass es ihm gefällt, was ich nicht verstehe, denn für mich zeigt es das Warten auf den Tod, weil der alte Mann völlig reglos mit dunklem Gesicht über dunklem Anzug zwischen der dunklen Standuhr und dem weißen Bett steht, nur eine dünne rote Borde auf dem Bettzeug bringt etwas Farbe in die dröhnende Stille, und er tut mir schrecklich leid, der einsame alte Mann, aber schließlich ist Heiner noch gar nicht so alt und es ändert auch nichts daran, dass es an ihm ist, sich zu melden und nicht umgekehrt, ich muss aufpassen, dass ich nicht zu versöhnlich werde, harmoniesüchtig bin ich manchmal, darum wird Heiner auch aus allen Wolken gefallen sein, dass ich einfach abgehauen bin, irgendwie war ich selbst erstaunt über meine Reaktion.

Schwierigkeiten hatte es ja schon im Sommer bei meiner Reise nach Schweden gegeben, die nicht wirklich ausgeräumt wurden, denn nachdem Helga angerufen hatte und in ihrer Stimme dieser eigenartige Unterton mitschwang, der mich zur Eile antrieb, konnte ich mich auf Heiners Bitte, ich solle mir nicht so viel Stress machen, sondern später in Ruhe fahren, nicht mehr einlassen, zwar hab ich versucht, ihm zu erklären, dass ich mir Sorgen machte, aber wir waren wohl beide nicht mehr offen füreinander, jedenfalls bin ich am Tag nach meiner Verabschiedung von der Schule in den Zug gestiegen, obwohl Heiner absolut dagegen war, und als ich dann zurückkam nach drei Wochen, war unser Streit plötzlich ganz unwichtig geworden, Heiner war sehr aufmerksam und rücksichtsvoll zu mir und ich noch ziemlich mitgenommen von den Ereignissen, denn Helga war gestorben, als ich in Schweden war, überraschend, an Lungenentzündung, im Krankenhaus, was wahrscheinlich eine glückliche Fügung war, denn sie hätte sicher noch viel zu leiden gehabt, das sage ich mir immer zum Trost.

Unser Streit hatte sich damit erledigt, war gegenstandslos geworden, wie ich fand, denn die Fakten sprachen ja für sich, wäre ich später gefahren, hätte ich Helga vielleicht nicht mehr lebend gesehen, das war für mich so offensichtlich, dass ich keinen Redebedarf zu diesem Thema mehr hatte, aber wenn ich jetzt so darüber nachdenke, wäre es wahrscheinlich doch besser gewesen, wenn wir in Ruhe miteinander gesprochen hätten, vielleicht ist es auch an der Zeit, die Vergangenheit mal aufzuräumen, auch und gerade die schwierigen Themen, z. B. die Sache mit Marcel, denn damals habe ich Heiner nicht gesagt, dass ich mich Hals über Kopf in meinen französischen Kollegen verliebt hatte, der dann aber plötzlich nach Straßburg zurück musste, weshalb meine Moral Mangel an Gelegenheit war, und das war mir auch bewusst und hat mich beschämt, ich weiß es noch wie heute, lange Zeit musste ich dagegen kämpfen, rot zu werden, wenn Heiner mich ansah, weil ich sofort an Marcel denken musste, dabei liebte ich Heiner ja noch, damals habe ich mich oft gefragt, was eigentlich schwerer ist, einen Seitensprung zu gestehen oder zu verschweigen, aber ich habe keine Antwort gefunden, das hängt von so vielem ab, gestehe ich, weil ich den Partner nicht belügen will, oder weil ich zu schwach bin, mit meinem schlechten Gewissen zu leben, schweige ich, weil ich den anderen schonen will, oder aus Feigheit, obendrein stellt sich auch noch die Frage, was eheliche Treue eigentlich bedeutet, wo es ja auch Treue sich selbst gegenüber gibt, und wenn man dann bedenkt, dass Eifersucht eins der stärksten Mordmotive ist, könnte die Beschäftigung mit diesem Thema am Ende lebensrettend sein, nicht bezogen auf uns, sondern ganz allgemein, und von diesem speziellen Fall mal abgesehen, wäre es bestimmt an der Zeit, darüber zu sprechen, was wir uns für die Zukunft wünschen, wie selbständig der*die einzelne sein kann oder muss, und wo die Grenzen des „Ich“ und des „Wir“ gezogen werden sollten, möglicherweise hätten wir damit den Supergau vermeiden können, denn so empfinde ich es, wenn Heiner, ohne vorher mit mir zu sprechen, meine Freundin aus dem Westen auslädt, die ich für eine Woche zu uns eingeladen hatte.

Heiner: Okay, ich habe Mist gebaut, okay, mea culpa, meinetwegen. Aber muss Britta deshalb gleich die Koffer packen und zwei Wochen nichts von sich hören lassen? Das finde ich total übertrieben. Und dabei kann ich noch von Glück sagen, dass ich überhaupt weiß, wo sie ist. Tom hat es mir erzählt. Klar, dass er ihr den Platz vermittelt hat, wo er die Leute gut kennt, an deren Steg sie jetzt liegt. Eine echt gute Stelle hat sie da. Direkter Zugang zum Ort und doch den ganzen See vor sich. Muss nicht mal was bezahlen, hat Tom gesagt, die Saison ist ja vorbei.

Natürlich hätte ich sie anrufen können, aber das konnte ich eben bis jetzt noch nicht, weil ich ihre Reaktion so überzogen finde. Und weil ich ihr nicht sagen kann, wie es für mich ist, wenn sie einfach verschwindet. Ich brauche sie. Nicht, damit sie mich versorgt oder mir bei den Möbeln hilft, nicht wegen solcher Äußerlichkeiten. Aber ich erlebe mich wie amputiert, wenn sie nicht da ist. Als würde ein Teil von mir absterben, oder wenigstens schlafen, im Koma liegen oder was immer. Wenn ich alleine bin, scheint die Sonne anders, das Essen schmeckt anders, es fehlt etwas Entscheidendes. Und ich bin sicher, dass Britta das nicht so erlebt. Sie kommt alleine gut klar, das zeigt ja auch ihr Reden von Witwenverbrennung. Ich sage nichts dazu, lach auch mal darüber. Aber es deprimiert mich, denn ich wäre ein Witwer, der das Leben nicht mehr lebenswert fände ohne seine Frau. Soll ich ihr das vielleicht sagen?

Ich gehe jetzt den Rasen mähen, denn das Denken nutzt nichts, ich dreh mich im Kreis, jeden Tag mehrmals.

Alles geht langsamer in letzter Zeit. Diese Schräge zur Garage, aus der ich den Rasenmäher holen muss, macht mir manchmal Angst, weil sie bei feuchtem Wetter rutschig ist. Aber heute ist es ja trocken, was soll’s,

Ich liebe diesen Rasenmäher. Weder muss man aufs Kabel achten, noch zwanzigmal die Strippe für den Motor ziehen, er läuft leise und zuverlässig mit Akku. Und was beinahe so was wie Zärtlichkeit in mir aufkommen lässt, ist, dass er nach einer gewissen Zeit zu mir sagt: „Jetzt hast du genug gearbeitet, mach mal Pause, bist auch nicht mehr der Jüngste.“ Dann ist nämlich der Akku leer und ich kann für eine Stunde was anderes tun. Manchmal denke ich, dass nur der Rasenmäher so fürsorglich ist bezogen auf mein Alter. Keiner sonst scheint zur Kenntnis zu nehmen, dass ich alt werde, eigentlich schon alt bin, jedenfalls fühle ich mich oft so.

In Köln hatten wir vor dem Haus ein so schmales Stück Rasen, dass wir es mit dem Handmäher geschnitten haben. Alles andere wäre zu umständlich gewesen. Und hinterm Haus war unser Hofgarten, wie wir das Ministück Welt nannten, in dem neben Blumen viel selbst gemachte Ton- und Holzkreationen standen. Das gefiel uns beiden, aber es war ja kein richtiger Garten. Den haben wir erst, seit wir im märkischen Sand wohnen und Britta überglücklich ist, dass hier der Rittersporn so gut gedeiht. Der braucht nämlich sandigen Boden. Sie genießt es, in der Erde zu wühlen. Alles, was hinterm Haus ist, fällt in ihren Aufgabenbereich. Ich werde mich hüten, ihren Rasen auch zu mähen, denn man kann an ihm wunderbar ablesen, wie lange sie mich und Haus und Garten schon vernachlässigt.

Ziemlich viel Fläche hier vorm Haus, aber kaum Unkraut, da macht sich das Düngen bezahlt, das Britta strikt ablehnt. Ihr reicht eine grüne Wiese, doch da lassen wir uns freie Hand. Kann sie selbst entscheiden. Allerdings bin ich stolz auf meinen Rasen, auch auf die weißen Rosen vor der Ziegelwand. Eine dankbare Sorte ist das, wächst locker in die Höhe, anspruchslos. Ich schneide immer wieder alles Verblühte ab, damit neue Blüten kommen, und das tun sie, wie man sieht.

Nun steckt also der leer gefahrene Akku im Aufladegerät und ich könnte noch ein bisschen an der Mahonienhecke rumschnibbeln. Einige Pflanzen haben Mehltau. Ich könnte auch in den Keller gehen und an der Kommode schmirgeln. Mit meinen Möbeln habe ich mich schon länger nicht mehr beschäftigt. Aber ich gehe lieber ins Haus und ruhe mich aus, lege die Beine hoch. Am liebsten mache ich gar nichts in letzter Zeit. Aber das hat auch seine Tücken, denn wenn ich so ruhig im Sessel sitze, fällt die Stille über mich her. Und jedes Mal denke ich an einen Text von Exupéry, in dem gesagt wird, um glücklich zu sein, reiche es zu wissen, dass das Haus bewohnt ist. Was ja bedeutet, dass ich den anderen nicht hören oder sehen muss. Es reicht zu wissen, dass er irgendwo in der Nähe ist. Ich weiß aber, dass Britta nicht da ist, und das macht mich unglücklich.

Also geht in meinem Kopf das Fragen und Denken wieder los. Wie das sein kann, dass sie einfach alles hinschmeißt, als wäre es nichts gewesen. So viel haben wir miteinander erlebt in all den Jahren, so viel durchgestanden. Zu Anfang gleich unser totes Kind, ein Schock. Aber dann kamen ja die beiden anderen noch, Gott sei Dank. Und alles haben wir irgendwie hingekriegt, gemeinsam, mal besser, mal schlechter. Alle Kinderkrankheiten, alle Ängste im Beruf, weil die Firma mehrmals auf der Kippe stand. Die Pflege beider Mütter im Haus. Toms Blinddarmdurchbruch und Beates Hungerkuren, hinter denen für Britta schon die Magersucht lauerte. Wir haben uns angestrengt, wir haben Glück gehabt. Das meiste ist gut gegangen. Beate ist offenbar zufrieden in Berlin. Da ist sie nach dem Studium hängen geblieben. Könnte öfter mal herkommen. Dafür wohnt Tom ganz in der Nähe. Es gefällt mir, dass er so viele Kontakte im Dorf hat und offenbar glücklich ist mit seinem ausgefallenen Beruf. Dabei habe ich mich anfangs schwer getan, als er von seinem Ersatzdienst an der Jugendherberge Wannsee nur noch zu Besuch nach Hause kam. Da hatte er sich schon die Lehrstelle als Bootsbauer besorgt. Und ich hätte so gerne gesehen, dass er Architekt geworden wäre wie ich. Britta war sofort einverstanden. Sie kann Tom sicher auch besser verstehen in seiner Liebe zum Wasser und ist sowieso eher bereit, den Kindern zuzustimmen. Ich glaube, sie fand es toll, dass er so genau wusste, was er wollte, und dass er für uns das Boot gebaut hat, mit dem sie jetzt unterwegs ist.

Auch diese andere Geschichte ist gut ausgegangen, nach der ich Britta nie gefragt habe. Die aber stattgefunden hat, da bin ich mir sicher. Als dieser Kollege aus Frankreich an die Schule kam. Ausgerechnet, wo Britta so ein Faible für die Sprache hat. Zum Teufel mit allen Franzosen! Aber das ist längst kalter Kaffee. Er ging dann bald wieder und es belastet mich heute nicht mehr. Kommt nur in dieser Generalerinnerung hoch, kann abgehakt werden, und inzwischen ist der Akku schon lange voll.

Gut die Hälfte schafft man mit einer Ladung. Ich mähe immer zuerst auf der linken Seite, wo das Wäldchen an den Zaun grenzt, bis zum Kiesweg in der Mitte des Vorgartens. Jetzt ist die rechte Seite zu den Nachbarn dran. Kurt und Genovefa sind beide nett, aber ich tu mich schwer mit lockeren Kontakten, bin einfach nicht locker. Rede mal zwei Sätze übern Zaun und freue mich, wenn man mich ansonsten in Ruhe lässt. Nur ihren Hund hab ich gerne bei mir. Er kommt ins Haus, wenn die Tür offen steht, ein altes Tier, Bobtail oder so. Wir verstehen uns auf Anhieb, was bei Menschen nicht so leicht ist, auch netten Nachbarn gegenüber nicht.

Britta beschwert sich öfters, dass man mir die Worte aus der Nase ziehen muss. Da ist was dran und es trägt dazu bei, dass ich nicht mit so vielen Menschen Kontakt habe wie sie. Aber das will ich ja auch gar nicht. Oft erzählt sie mir was und erwartet, dass ich mich dazu äußere. Aber wenn ich alles genauso sehe wie sie, was soll ich dann noch sagen? Ich nicke vielleicht vor mich hin, aber das reicht ihr nicht, sie kriegt es auch häufig nicht mit. Ich soll wenigstens grunzen, fordert sie. Wenn sie das sagt, ist sie schon ziemlich sauer und meist kommt dann der Hinweis auf Toni. Toni ist ein Verwandter von Britta, was für mich ein Glück ist. Weil sie dann nicht sagen kann, ich hätte meine Schweigsamkeit von ihm geerbt. Toni kann man ganz viel erzählen ohne den kleinsten Kommentar von ihm zu bekommen. Er reagiert auch nicht mit Nicken oder Grunzen, sondern sieht einen nur geduldig an. Weil das den Eindruck macht, als warte er noch auf etwas besonders Wichtiges, spornt es einen zum Weiterreden an. Aber Toni sagt nichts, nickt nicht, grunzt nicht. Irgendwann gibt man nassgeschwitzt auf.

Ich bin nicht wie Toni, aber es ist trotzdem allerhand, dass ich mich inzwischen mit Kurt und Genovefa duze. Dazu haben die Frauen beigetragen, die hin-und-herpendeln zum Kaffee hier und Tee da. Viel zu viel der Kommunikation für mich. Wie Kurt das sieht, weiß ich nicht. Er hatte bis jetzt immer wenig Zeit, aber neuerdings ist er auch in Rente. Mal sehen, wie sich das entwickelt.

Bei uns ist alles schwierig geworden, seit Britta nicht mehr arbeitet. Von Anfang an ging alles schief. Jedenfalls war ich total verunsichert, als sie sofort nach ihrer Verabschiedung wochenlang weg war und dann schon wieder ein Gast im Haus sein sollte. Da hab ich die Notbremse gezogen, war eine unüberlegte Reaktion, das sehe ich ein. Aber auf jeden Fall weniger peinlich, als zuzugeben, dass ich Angst vor der Zukunft habe. Dabei habe ich mit meinem Gewaltakt genau das herbeigeführt, wovor ich mich fürchte, allein gelassen zu werden.

Allerdings finde ich, dass Britta nicht ganz unschuldig ist an diesem Dilemma. Sie hätte mit mir sprechen müssen, bevor sie ihre Freundin eingeladen hat. Dann hätte ich sie bitten können, noch eine Zeitlang zu warten, bis wir wieder richtig beieinander angekommen wären. Wir fühlen uns zu Hause wohl, auch Britta. Das merke ich an vielen Dingen, am meisten, wenn sie vor sich hin summt, während sie sich irgendwo im Haus zu schaffen macht. Das ist für mich wie Sphärenmusik. Vielleicht müsste ich ihr das mal sagen. Überhaupt müssten wir mehr reden, gerade jetzt. Auch über peinliche Sachen, vielleicht gerade über die. Obwohl ich mir dann so klein vorkomme. Aber wenn ich den Mut dazu aufbrächte, wäre ich schon nicht mehr klein. Britta ist mutiger als ich, forscher, sie geht voran, darum ist ihr sicher auch noch gar nicht aufgefallen, dass sie besser vorher mit mir geredet hätte. Ich lasse ihr normalerweise freie Hand und fühle mich dabei wohl, geh lieber in der zweiten Reihe, was auch bequem ist. Je länger ich darüber nachdenke, desto wichtiger wird mir ein Gespräch mit ihr. Ich glaube, das ist einfach dran.

Jetzt nur noch um die Schwarzkiefer rum, da liegen viele Zapfen. Aber ich bück mich gerne, denn irgendwie gibt der Baum dem ganzen Grundstück erst Atmosphäre, wie er so schief zum Dach hin gewachsen ist. Und nun die letzte Füllung auf den Kompost, ein bisschen sauber machen, das war’s.

Da liegt der alte Kerl doch tatsächlich auf der Matte vor der Terrassentür und wartet auf mich. Bist ein lieber Hund, der beste bist du. Komm mit rein, ich schneid dir eine Scheibe Wurst ab. Das kennst du doch schon, bitte sehr. Da geht mir richtig das Herz auf, wenn der mich so ansieht. Vielleicht wäre es gar keine schlechte Idee, wenn wir uns einen Hund anschafften. Aus dem Tierheim, ein junger würde uns überleben. Dann wären wir mehr ans Haus gebunden. Aber Britta wird die Absicht spüren und verstimmt sein. Sie will ja gerade nicht ans Haus gebunden sein, was sicher auch mit dem Altersunterschied zu tun hat, sie ist viel jünger und noch voller Energie. Trotzdem wäre ein Hund schön. Vielleicht findet sie das ja auch. Früher hatten wir mal eine Promenadenmischung, als die Kinder noch zu Hause waren. Ich glaub, ich rufe sie bald an.

Britta: Endlich hat Heiner sich gemeldet, seine Aktion tue ihm leid, hat er gesagt, keine Rechtfertigung oder so, er möchte mit mir reden, über alles am liebsten, so aufrichtig wie möglich, ein bisschen atemlos hörte sich seine Stimme an, mit der er diese umfassende Wahrhaftigkeit erbat, ob ich zu ihm kommen könnte, nach Hause, und es stimmt ja, ich bin auf dem Hügelweg zu Hause, finde es schön da mit ihm, aber augenblicklich bin ich auch auf dem Wasser zu Hause, wo der Wind durchs Schilf streicht und das Boot schaukelt, seit kurzem stürmt es beinahe, weshalb Heiner verständlicherweise nicht zu mir kommen wollte, wir sind nicht direkt für heute verabredet, er hat gesagt, in den nächsten Tagen, und dass er immer zu Hause ist, aber ich wollte nicht länger warten, spüre, wie ich zunehmend schneller gehe, hoffe, dass alles wieder gut wird. Gleich bin ich oben auf dem Hügel, ich sehe unser Haus schon, alles wie immer, die Diele erleuchtet, kleines Licht im Wohnzimmer, Heiner wird mich nicht gehört haben, sitzt bestimmt und liest, es kommt mir vor, als wäre ich nie weg gewesen,…

das hätte ich jetzt allerdings nicht gedacht, dass er mit Kurt da sitzt und Schach spielt…

Heiner: Schön, dass sie gekommen ist! Hoffentlich verzieht sich Kurt bald. Aber irgendwie macht es vielleicht einen guten Eindruck. Ich mag es, wenn sie so überrascht aussieht. Das hätte sie jetzt nämlich nicht gedacht, dass ich mit Kurt hier sitze und Schach spiele.